Warum in die Ferne schweifen? Nachfrageboom bei regionalen Lebensmitteln
(Deutschlandradio, 10.08.04)
URL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/293193/
Von Susanne Kuhlmann
Wir haben uns längst daran gewöhnt, mit Lebensmitteln aus aller Welt
versorgt zu werden, wenn auch vielleicht nicht gerade mit dem
afrikanischen Mieliepap. An exotische Zutaten zu kommen, ist in der
heutigen Zeit kein Problem mehr. Aber es gibt auch den gegenteiligen
Trend: Ausgelöst durch Skandale und Krisen, wie zum Beispiel BSE und
Schweinepest, besinnt man sich zunehmend auf die eigenen Stärken, auf
Lebensmittel aus der Region. Es geht hierbei nicht nur um mehr
Sicherheit, sondern auch um mehr Genuss. Kein Supermarkt bietet zum
Beispiel regionale Apfelsorten oder speziellen Hofkäse an. Welche
Vermarktungswege lassen sich aktivieren, um die Produkte aus der Region
vom Bauern zum Kunden zu bringen - und damit nicht zuletzt auch die
heimische Wirtschaft zu stärken?
Mehr als 2500 Gerichte kochen Christoph Reingen und sein Team
täglich im Betriebsrestaurant der WestLB in Düsseldorf. Kartoffeln und
Kompott, Brötchen und Braten - knapp ein Fünftel aller Zutaten kauft
Christoph Reingen bei Ökobauern aus der Region. Den Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern der WestLB schmeckt's, obwohl sie gut zehn Prozent
mehr dafür zahlen müssen:
Das Essen kommt bei denen sehr gut an. Es gibt immer Gerichte mit
Fleischanteilen, es gibt Gerichte ohne Fleisch, vegetarisch, es gibt
eine große Auswahl von Salaten, immer mit kleinen Komponenten und
Beilagen, natürlich auch Dessertprodukte, die wir reichen. Frischobst
ist dabei. Wer möchte, kann sich gesund in unserem Betriebsrestaurant
ernähren.
Lebensmittel aus der Region werden nicht tagelang transportiert,
sondern landen schon kurz nach der Ernte auf dem Teller.
Betriebsrestaurants und andere Großküchen sind aber nicht die einzige
Möglichkeit, Produkte von Bauern aus der Gegend zu vermarkten, sagt Dr.
Oscar Reutter. Er ist Forschungskoordinator im Wuppertal Institut für
Klima, Umwelt und Energie:
Wochenmärkte sind ein halber Schritt von der regionalen Produktion
zum Kunden hin. Es ist eine gute Chance für regionale Händler und
Bauern auf dem Wochenmarkt sich nicht nur auszuweisen mit dem Bild "Aus
deutschen Landen", sondern aktiv die Region zu bewerben. Ich kenne
solche Beispiele vom Wochenmarkt in Dortmund, wo bekannt ist, an dieser
Stelle steht immer der Händler, der in der Region produziert und seine
eigenen Produkte anbietet.
Entweder kommen die Kunden zum Bauern - auf den Wochenmarkt oder in
den Hofladen. Oder der Bauer fährt zu den Kunden - auch das ist keine
neue Idee:
Wir glauben, dass diese mobilen Verkaufswagen, die fliegenden
Händler in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen werden, weil auf der
einen Seite der stationäre Einzelhandel aufgrund der
Konzentrationsprozesse zurückgeht. Auf der anderen Seite wird die
Nachfrage sicherlich unter dem Vorzeichen einer alternden Gesellschaft,
mehr Leute, die sich schwerer tun, zu Fuß zu gehen, zunehmen, die froh
sind, wenn der Händler vor ihre Haustür gefahren kommt.
Ein Service, der nicht automatisch teuer sein muss, meint Oscar Reutter:
Speziell, wenn wir Lieferkonzepte anschauen, die den Einzelhandel
und den Großhandel überspringen durch die Direktlieferungskonzepte vom
Bauern zum Endverbraucher, wird dadurch eine bestimmte Dienstleistung
eingespart, was sich in günstigen Vertriebsformen, günstigen Preisen
letztlich realisiert.
Erschwingliche Preise, bequemes und sinnliches Einkaufen ist das
eine. Für die regionale Vermarktung sprechen aber auch
verkehrstechnische Überlegungen, findet Professor Helmut Holzapfel von
der Universität Kassel. Mehr als jeder vierte LKW transportiert
Lebensmittel. Helmut Holzapfel stellt sich vor, dass Lieferanten sich
abstimmen, um ihre Produkte zeit- und energiesparend auszuliefern. Dann
wären weniger Lastwagen in der Stadt unterwegs, es gäbe weniger Lärm
und weniger Abgase. Im italienischen Bologna fand er ein Vorbild für
diese Idee; ein großes Warenzentrum außerhalb der Stadt:
Wir können durch regionale Logistikkonzepte und durch Zentren, die
versuchen, die Waren besser zu verteilen, eine Menge gewinnen für die
Leute. Wenn wir statt vier Lastautos, die in einer Stadt Waren
verteilen, von unterschiedlichen Quellen her ein großes Warencenter
haben, von dem man aus im Rahmen eines Stadtlogistikzentrums die Waren
verteilt, dann haben wir statt vier LKW nur einen. |