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Bringen immer perfektere Straßen noch einen Nutzen für regionales Wirtschaften?
Ergebnisse einer Tagung über den Zusammenhang zwischen
Verkehrsinvestitionen und Wirtschaftswachstum am 24./25.9.04 in Dorfen,
Obb.
Veranstalter: Bildungswerk des Bund Naturschutz, Tagwerkgenossenschaft, Aktionsgemeinschaft gegen die A 94
Zusammenfassung: Weite Teile von Politik, Wirtschaft,
Medien und Bevölkerung sind der Meinung, der Bau oder Ausbau weiterer
Straßen führe zu Wirtschaftswachstum und damit zu mehr Arbeitsplätzen.
Diese These kann jedoch weder empirisch noch theoretisch bestätigt
werden. In einem mit Straßen bereits hocherschlossenen Land wie
Deutschland, spielt der Straßenbau im Vergleich zu anderen
Standortfaktoren, kaum mehr eine Rolle. Für manche Region kann eine
zusätzliche Straße und damit das Sinken des Transportwiderstands sogar
negative Folgen haben.
Die Referate:
"Kein Gewerbetreibender kommt zusätzlich, weil eine Autobahn
gebaut wurde." Der Erfurter Professor Matthias Gather berechnet
ökonomische Wirkungen von Verkehrsprojekten
Welche wirtschaftlichen Veränderungen löst eine Autobahn in einer
Region aus? Matthias Gather, Professor am Institut Verkehr und Raum an
der Fachhochschule Erfurt, hat diese Fragestellung am Beispiel von
Thüringen bearbeitet. Basierend auf umfangreichem Datenmaterial aus dem
Jahren 1989 bis 1999 untersuchte er beispielsweise, ob die Nähe
einzelner Landkreise zu den Thüringer Autobahnen A 4 und A 9 Einfluss
hatte auf die Ansiedlung von Gewerbegebieten oder auf die Entwicklung
der Beschäftigung. Gathers Fazit: "Kein Gewerbetreibender kommt
zusätzlich, weil eine Autobahn gebaut wurde." Auch die Situation des
Arbeitsmarktes verbessere sich durch eine Fernstraße nicht : "Die
Hoffnung, durch eine Autobahn Beschäftigung zu schaffen, könnten wir in
Thüringen nicht bestätigen."
Gathers Forschungsvorhaben arbeitete mit einem komplizierten
statistischen Verfahren, der multivariaten Regressionsanalyse. Die
wirtschaftliche Entwicklung der Thüringer Landkreise wurde dabei durch
mehrere Indikatoren erfasst: Bevölkerung, Investitionen,
Gewerbeflächenbelegung, Bodenpreise, Bruttoinlandsprodukt pro
Beschäftigten, Arbeitslosigkeit, Pendlerzahl. Gathers Forschungsfrage
lautete: Gibt es signifikante Zusammenhänge zwischen diesen
ökonomischen Indikatoren und drei weiteren Determinanten - der Nähe
eines Landkreises zu einer Autobahn, der Dichte der Bevölkerung und der
Nähe eines Landkreises zum Gebiet der alten Bundesländer? Erstes
Ergebnis: Die Nähe zum Westen hatte deutliche Effekte. "Je näher ein
Landkreis an der Westgrenze lag, desto höher waren die Investitionen
und desto geringer war die Arbeitslosigkeit", so Gather. Zweites
Ergebnis: Ökonomische Effekte einer Nähe zur Autobahn waren statistisch
kaum nachweisbar. So entwickelten sich Landkreise, die unweit einer
Autobahn lagen, ökonomisch nicht besser als Landkreise, die
autobahnfern lagen - weder bei der Gewerbeflächenbelegung, noch bei der
Beschäftigung. Partiell stellte Gather sogar einen gegenteiligen Effekt
fest. So sank die Zahl der Arbeitsplätze in den Thüringer Landkreisen
nahe den Autobahnen stärker als in autobahnfernen Regionen.
Bei der Auslastung der Gewerbegebiete konnte 1999 außerdem
festgestellt werden, daß beispielsweise der Landkreis
Saalfeld-Rudolstadt die schlechteste Bewertung für die verkehrliche
Erreichbarkeit, gleichzeitig jedoch die beste Belegung der
Gewerbeflächen aufwies. Der Saale-Holzland-Kreis sowie der Landkreis
Greiz mit einer sehr guten Bewertung der Erreichbarkeit sind hingegen
im unteren Bereich bei der Auslastung der Gewerbeflächen zu finden.
Lediglich innerhalb der einzelnen Landkreise konnte Gather einige
ökonomische Effekte feststellen: "Kleinräumig orientieren sich
Unternehmen durchaus am Verlauf der Autobahnen." Wenn eine Firma ihren
Betrieb erweitert, sei dafür der Verlauf der Autobahn durchaus von
Bedeutung - allerdings eben nur innerhalb der Region. "Davon
profitieren innerhalb eines Landkreises die Kommunen, die nahe einer
Autobahn liegen; den Nachteil haben die Kommunen, die weiter von der
Autobahn entfernt sind", so Gather. Sein Resüme: Die Aussagen der
Wirtschaftsverbände und Unternehmen, dass Autobahn-Ausbau ein
herausragender Standortfaktor sei, sei nicht zu halten: "Eine solche
Aussage wird auch durch die Fachliteratur nicht gestützt."
"Aus deutschem Schinken wird Südtiroler Markenspeck" Der Geograf Martin Demmeler plädiert für Lebensmittel aus der Region
Eine Stärkung der Region kann den Verkehr verringern - so lautet das
Fazit des Geografen Martin Demmeler, der an der Technischen Universität
München das Thema Lebensmitteltransporte und Verkehrswege bearbeitet.
Die vergangenen Jahrzehnte waren allerdings geprägt von einer
gegenläufigen Entwicklung: "Bis vor vierzig, fünfzig Jahren stammte der
Großteil der Lebensmittel, die in einem Haushalt konsumiert wurden, aus
der Region", so Demmeler. In den vergangenen zwanzig Jahren sei es dann
zu einem rapiden Wachstum der Lebensmittel-Transporte gekommen - sie
haben sich in dieser Zeit etwa verdoppelt. Nach aktuellen Prognosen
soll der Güterverkehr zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2015 erneut
um etwa sechzig Prozent steigen. Daran hätten Nahrungsmittel einen
erheblichen Anteil, so Demmeler. Wie sehr Transporte inzwischen zum
Alltag der Nahrungsmittelindustrie gehören, demonstrierte Demmeler mit
einer Internet-Werbeaktion der cma, die einen aus ihrer Sicht positiven
Slogan entwickelt hat: "Aus deutschem Schinken wird Südtiroler
Markenspeck".
Die ökologischen Konsequenzen seien enorm, so Demmeler: Immer mehr
Straßen versiegeln die Bundesrepublik. So sei allein im Jahr 2001 die
Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland um 428 Quadratkilometer
gestigen. Die externen Kosten des Verkehrs (Flächenverbrauch,
Verkehrsunfälle, Lärmbelastung, Gesundheitsbelastungen) lägen in
Milliardenhöhe - eine Schätzung Demmelers, die auf verschiedenen
Studien basiert, kommt auf 116 Milliarden Euro jährlich.
Welchen Beitrag zur Lebensmittel-Versorgung könnte eine Region nun
leisten? Demmeler schätzt, dass sich Haushalte durchaus wieder zu
achzig Prozent mit Produkten aus der Region versorgen könnten -
Kartoffeln, Eier, Gemüse, Fleisch, Milch und Obst seien in Deutschland
regional produzierbar. "Es ist sicher nicht angesagt, auf Orangen oder
Schokolade zu verzichten - aber viele Grundnahrungsmittel können in der
Region erzeugt werden", sagt Demmeler. Ziel sei eine "Effizienz auf
kurzen Wegen": Die Ökobilanz von Lebensmitteltransporten werde dann
gut, wenn zwei Faktoren zusammenkämen - wenn erstens die Entfernung
gering sei und zweitens die Verkehrsmittel effizent. "Wenn man wegen
zwei Stück Butter zum Bauernhof fährt, ist die Ökobilanz sicher nicht
günstig", so Demmeler. Ein regionaler Supermarkt oder regionale
Verbraucherinitiativen dagegen seien ökologisch effizent.
"Verbesserte Erreichbarkeit erzielt keine großen ökonomischen Effekte" Der Ökonom Thomas Puls über die Entwicklung der deutschen Verkehrsinfrastruktur
Verkehrsinfrastruktur ist eine Vorraussetzung für Wohlstand - daran
gibt es aus der Sicht von Thomas Puls keinen Zweifel. Der Ökonom, der
beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft beschäftigt
ist, verweist auf zahlreiche historische Beispiele. So hätten schon vor
2000 Jahren die Römerstraßen den Wohlstand gefördert; in Deutschland
habe vor 150 Jahren die Eisenbahn die Transportkosten drastisch
gesenkt, was der Industrie zugute kam: "Ohne die Eisenbahn wäre das
Ruhrgebiet sicher niemals entstanden", so Puls. Außerdem seien hohe
Transportkosten ein Hindernis für den Wettbewerb: "Hohe Transportkosten
sind eine Markteintrittsbarriere und können die Entstehung von
Monopolen fördern - das mögen wir Ökonomen gar nicht, weil sich
Monopole auch negativ für die Verbraucher auswirken."
Doch damit ist die Frage nicht beantwortet, welchen Nutzen
zusätzliche Straßen haben. Hier ist Puls eher skeptisch: Natürlich
hätten Unternehmen Kostenvorteile, wenn sie via neuer Straße oder
Schiene besser erreichbar sind. "Die Frage ist nur, ob diese
Kostenvorteile wirklich wichtig sind", so Puls. Seine These dazu: "Seit
etwa 1970 kann man davon ausgehen, dass durch verbesserte
Erreichbarkeit keine großen Effekte in der Regionalpolitik zu erzielen
sind." Verglichen mit anderen EU-Ländern sei Deutschland verkehrsmäßig
gut erschlossen. „Mit dem Bau einer neuen Autobahn wird das große
Wirtschaftswunder nicht stattfinden.“ Dies müsse man auch im
Zusammenhang mit den Plänen zu einem Transeuropäischen Netz
berücksichtigen. Auch hier sei angesichts der heutigen guten
Erreichbarkeit der meisten Räume höchstens noch in wenigen Randregionen
eine gewisse Verbesserung für die Wirtschaft zu erzielen.
Es existierten auch keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine
neue Autobahn die Ansiedlung von neuen Unternehmen fördere: "Es gibt
keine Evidenz, dass dies so ist." Dies liege unter anderem daran, dass
die allermeisten Unternehmen bei einem Ausbau oder Standortwechsel in
ihrer Region blieben. Generell könne man sagen, daß
Anbindungsverbesserungen mehr den Großstädten als den ländlichen
Gemeinden dienen. Deshalb könne es durchaus sinnvoll sein, in einer
Nutzen-Kosten-Analyse zu prüfen, ob das für eine Autobahn vorgesehene
Geld in der Region in einer anderen Verwendung nicht besser eingesetzt
werden könnte.
Kritik übte Puls an den Verfahren der bundesdeutschen
Verkehrsplanung: Der für den Fernverkehr maßgebliche
Bundesverkehrswegeplan sei zwar nach formal wissenschaftlichen
Kriterien zusammengestellt; in der Praxis müssten die Planer jedoch
zahlreiche Vorgaben der Politik berücksichtigen, die die Ergebnisse
entscheidend beeinflussen. So hätten die Planer bei der Erarbeitung des
jüngsten Bundesverkehrswegeplans annehmen müssen, dass der Bahnverkehr
mittelfristig deutlich billiger werde - eine äußerst unplausible
Annahme, so Puls. Eine restriktive Verkehrsplanung, die den Verkehr
durch Verteuerung verlagern und vermeiden wolle, lehnte Puls ebenfalls
ab, weil sie mittelfristig Wachstumsraten verringere. Sein Plädoyer
stattdessen: Eine Verkehrspolitik, die auf dem Gutachten der so
genannten Pällmann-Kommission basiere. Demnach sollte man das
Verkehrssystem stärker marktwirtschaftlich organisieren. Dafür könnte
der Staat die Infrastruktur ausgliedern; drei nichtstaatliche
Gesellschaften sollten für Straße, Schiene und Wasserstraßen zuständig
sein und Gebühren erheben dürfen. Diese Gebührenfinanzierung der
Infrastruktur sei nicht mehr politisch gesteuert, sondern den
Marktkräften überlassen und daher effizienter.
"Vielleicht sind wir den unanständigen Weg gegangen" Inge Asendorf beschreibt die Entwicklung von der Genossenschaft Tagwerk
Zwanzig Jahre Tagwerk - das ist eine Geschichte von Veränderung und
Konstanz. Inge Asendorf, promovierte Soziologin und Vorstand der
Tagwerk-Genossenschaft, stellte die Frage, was aus den Ideen von einst
geworden ist. Im Jahr 1984 gründete ein kleiner Trupp von Überzeugten
eine "Verbraucher- und Erzeugergemeinschaft". Zwei, drei Bauern und ein
Gärtner belieferten ein paar Öko-Idealisten in den Landkreisen Erding
und Freising. Die Arbeit der Genossenschaft sollte den Ökolandbau
unterstützen, die Transporte reduzieren und persönliche Kontakte
zwischen Erzeugern und Verbrauchern schaffen: "Letzteres ist eine
entscheidende Geschichte, weil wir überzeugt sind, dass Intransparenz
und Anonymität ein Teil des Problems in der Lebensmittelindustrie
sind", so Asendorf. Das Wachstum von Tagwerk begann: Anfangs wurde die
Ware in einem kleinen Lager bei Dorfen verkauft; bald standen erste
Verkaufsstände auf Wochenmärkten. Es folgten mehrere Läden, diverse
Verteilerstellen, und die Struktur der Genossenschaft passte sich
ebenfalls an.
Heute sind 100 bäuerliche Erzeugerbetriebe Mitglied bei Tagwerk.
Zahlreiche Verarbeiter - Bäcker, Metzger, Imker, ein Müller -
beteiligen sich an der Genossenschaft. Und diverse Läden in der Region,
darunter drei Bio-Supermärkte, bieten als Tagwerk-Läden ihre Produkte
an. Doch was ist aus der Idee von 1984 geworden? Asendorf zog einen
Vergleich mit einer ähnlichen Initiative aus Bremen: Diese
Genossenschaft sei nahe an den ursprünglichen Prinzipien geblieben,
lege großen Wert auf ein regionales Sortiment, habe aber immer noch nur
einen einzigen Laden - Wachstum habe nicht stattgefunden. Die
Mitglieder der Bremer Genossenschaft sollen auch heute noch im Laden
mitarbeiten, was bei Tagwerk noch nie gefordert war. "Die Bremer sind
anständig geblieben, aber klein", sagte Asendorf. "Wir bei Tagwerk sind
vielleicht den unanständigen Weg gegangen."
Trotzdem sei der Tagwerk-Weg sinnvoll, so Asendorf: Allein im Handel
seien derzeit neunzig Menschen (häufig in Teilzeit) beschäftigt - dies
sei ein wichtiger Bestandteil des regionalen Arbeitsmarkts. Manche
Verarbeiter, darunter Metzger und der Müller, entschieden sich nur
wegen des über Tagwerk gesicherten Absatzes, ihre Betriebe
weiterzuführen. Und die Genossenschaft habe auf die veränderten Wünsche
der Verbraucher reagiert: "Nach langen Streits gibt es bei uns jetzt
auch Tomaten im Winter." Klar sei aber auch, dass die ursprüngliche
Nähe von Erzeugern und Verbrauchern geschwunden sei: "Wir stellen fest,
dass auch bei uns der Handel wieder zwischen Erzeuger und Verbraucher
getreten ist - trotz vieler Hofbesichtigungen und Kontakte." Tagwerk
verursache durch das Wachstum auch Transporte, so Asendorf; der
Tagwerk-Großhandel habe inzwischen sogar einen LKW-Park. Doch die
meisten Fahrten der LKWs erfolgten in einem Radius von maximal 70 bis
80 Kilometern rund um Dorfen. Eine Studie habe auch gezeigt, dass in
den Tagwerk-Läden mehr regionale Produkte verkauft werden als im
sonstigen Naturkost-Handel: "Jeder dritte Euro in unseren Läden wird
für regionale Produkte ausgegeben. Das ist herausragend. Dennoch würden
wir uns natürlich noch mehr Regionalität wünschen. Denn Tagwerk wurde
vor 20 Jahren auch deshalb gegründet, um dem zunehmenden Wahnsinn der
Tier- und Lebensmitteltransporte quer durch Europa entgegen zu treten."
Asendorfs Bilanz nach zwanzig Jahren: Mit den drei Millionen Euro
Umsatz sei der Tagwerk-Großhandel "bestimmt nur ein Floh." Doch "in den
Regionen sind solche Initiativen wichtig und bewegen viel im
Bewusstsein der Menschen."
"Nur der LKW kann das leisten, was die Wirtschaft verlangt" Stephan Tausend von der IHK plädiert für den Ausbau von Autobahnen
Mobilität ist von zentraler Bedeutung für die wirtschaftliche und
soziale Entwicklung der Bundesrepublik - und jeder Versuch, die
Mobilität zu begrenzen, ist gefährlich. Dieser Auffassung ist Stephan
Tausend, der stellvertretende Leiter der Abteilung Verkehr bei der
Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. "Eine moderne
Wirtschaft kann ohne Warenaustausch nicht überleben. Vorraussetzung
dafür ist ein leistungsfähiges Verkehrssystem", so Tausend. Auch sei
Verkehr eine Ursache von Wohlstand: "Wirtschaftsverkehr ist doch kein
Selbstzweck, sondern sichert den Standort Deutschland."
Tausend warnte davor, die Kosten für den Verkehr zu erhöhen: "Das
hohe Kostenniveau in Deutschland kann nur durch eine effiziente
Produktion ausgeglichen werden - und dazu passt keine Steigerung der
Kosten der Mobilität." Deutschland könne nicht als reine
"Dienstleistungsnation" Erfolg haben: "Nur Blaupausen ins Ausland
schicken, sichert unser Überleben nicht."
Deutschland sei in Europa das Transitland Nr. 1. Dass der
Güterverkehr heute großenteils über die Straße läuft, leuchte ein: "In
den vergangenen dreißig, vierzig Jahren gab es fundamentale ökonomische
Veränderungen: Deutschland hat sich von der Montanindustrie
wegorientiert; die Fertigungstiefen sanken, was kleinere
Transportmengen erfordert. Außerdem hat die Bahn massiv Strecken
abgebaut und Gleisanschlüsse reduziert." Tausends Fazit: "Nur der LKW
kann das leisten, was die Wirtschaft verlangt."
Die Nähe zu einer Autobahn sei für viele Unternehmen von zentraler
Bedeutung: "Bei uns fragen im Jahr 400 Unternehmen an, ob wir ihnen
einen geeigneten Standort nennen können. Ihr erstes Kriterium ist immer
die Lage des Standorts." Weil so viel über negative Wirkungen des
Verkehrs gesprochen werde, wollte Tausend die positiven Effekte des
Straßenverkehrs herausstellen: "Jeder Haushalt in Deutschland gibt pro
Monat 350 Euro für Mobilität aus. Auch hängt etwa jeder siebte
Arbeitsplatz vom Straßenverkehr ab. Diese Zahlen sollte man nicht
vergessen."
"Wenn man weiß, wie es hergestellt wird, schmeckt es nochmal so gut" Bernhard Burdick untersucht Vorteile regionaler Vermarktungsstrategien
Regionale Produkte haben in Deutschland eine höhere Bedeutung als
gemeinhin angenommen. Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale
Nordrhein-Westfalen begründete diese These mit Daten des deutschen
Agrarmarktes: Etwa zwanzig Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe
bieten ihre Produkte auch in Direkt- und Regionalvermarktung an.
Wiederum zwanzig Prozent von diesen Betrieben - also vier Prozent aller
deutschen Höfe - erwirtschaften damit mehr als die Hälfte ihres
Einkommens. Darüber hinaus seien regionale Produkte häufig nicht als
solche erkennbar: "Wir erkennen sie oft nicht, weil regionale Produkte
meist nur als "deutsch" deklariert werden." "Der Kopfsalat, den man in
Bayern im Aldi kauft, kommt auch - wenn möglich - aus der Nähe", so
Burdick. Es mache auch für Discounter keinen Sinn, leichtverderbliche
Produkte quer durch die Republik zu fahren.
Burdick warnte davor, den Nutzen regionaler Produkte allein in der
Kürze der Transportwege zu sehen: "Diese Sichtweise würde viel zu kurz
greifen." Zu den Vorteilen regionaler Produkte, die als solche
vermarktet werden, zählen nach Burdicks Auffassung die Frische und der
Geschmack der Produkte, das Einkaufserlebnis und zahlreiche ökologische
Vorteile - darunter die Förderung biologischer Vielfalt, die Reduktion
des Verpackungsmülls, der Erhalt von Kulturlandschaften. Auch böten
regionale Vermarktungsstrategien ökonomische Vorteile: "Sie sichern das
Einkommen in kleinen und mittlerein Unternehmen, sorgen für den Erhalt
von Arbeitsplätzen und erhöhen die regionale Wertschöpfung." Soziale
Vorteile kämen hinzu: Den Kunden würden ökologische und ökonomische
Zusammenhänge bewusst; auch würde die Arbeit der Erzeuger und
Verarbeiter stärker wertgeschätzt. "Deshalb wird sich bei der
Regionalvermarktung auch kein Landwirt erlauben, schlecht zu arbeiten -
er ist ja einer starken sozialen Kontrolle ausgesetzt", so Burdick.
Burdick bezog auch Stellung in einem aktuellen
Wissenschaftlerdisput. Eine Studie der Wissenschaftler Schlich und
Fleißner (Universität Gießen) war zu dem Ergebnis gekommen, dass
regionale Produkte unter Energieaspekten häufig schlechter zu bewerten
seien als Produkte einer globalisierten Lebensmittelindustrie. Als
Belege hätten Schlich und Fleißner ermittelt, dass beispielsweise
Apfelsaft aus regionalem Streuobst mit einem achtfach höheren
Energieverbrauch zu den Verbrauchern gebracht werde wie brasilianischer
Apfelsaft. Beim Lammfleisch errechneten die Gießener Wissenschaftler,
dass regionale Produkte dreimal mehr Energieverbrauch benötigen wie
Lammfleisch aus Neuseeland. Doch solche Werte seien nur zu ermitteln,
wenn man gezielt besonders ineffiziente heimische Betriebe mit
besonders effizienten Unternehmen in Übersee vergleiche. "Wer nicht nur
Extrembeispiele herausgreift, wird sehen, dass es technische Effizienz
auch in den meisten kleinen und mittleren Betrieben der Region gibt",
so Burdick.
"Überlegt euch gut, wofür ihr euer Geld verwendet" Stephan Brückl
hält es für gefährlich, Transportkosten durch staatliche Investitionen
zu verringern
Sinkende Transportwiderstände können eine regionale Wirtschaft
ruinieren. Das ist die Auffassung von Stephan Brückl, einem Augsburger
Wirtschaftswissenschaftler, der das "Süddeutsche Institut für
nachhaltiges Wirtschaften" aufgebaut hat. Brückl wirft entsprechenden
Politikern ein "Einbahnstraßen-Denken" vor: "Sie nehmen an, dass eine
neue Autobahn nur dazu führt, dass in der Region mehr produziert wird,
was dann auch mehr Geld in die Region holt." Dabei werde ein zweiter
Effekt übersehen - dass sinkende Transportwiderstände auch Konkurrenz
von außerhalb anziehen.
Ein Blick auf Straßenkarten und Arbeitslosenstatistik in der BRD
zeige, daß beispielsweise in den wirtschaftlich starken Länder wie
Bayern oder Baden-Württemberg die Autobahndichte nur halb so groß ist
wie in NRW, das mit einer ungleich größeren Arbeitslosigkeit zu kämpfen
habe. Brückl: „Es wäre zu einfach, daraus nun auf eine negative
Korrelation zwischen Autobahn und Beschäftigung zu schließen. Der
gängige Glaubenssatz, Autobahnen führten automatisch zu mehr
Arbeitsplätzen, lässt sich daraus jedoch erst recht nicht ableiten.“
Theoretisch habe bereits Launhardt vor mehr als 100 Jahren gezeigt,
daß die Transportkosten ein Schutz für kleinere, regionale Anbieter
sind. Aufgrund hoher Stückzahlen hat der große Anbieter in der Regel
niedrigere Produktionskosten, kann also billiger anbieten. Weitet er
nun sein Absatzgebiet immer weiter aus, dann wird er die Grenze
erreichen, an der sein Produktionskostenvorteil von den steigenden
Transportkosten „aufgefressen“ wird. Anders herum ausgedrückt: Je
perfekter die Straßen, umso niedriger die Transportkosten, umso
schwieriger wird das Überleben für den kleineren regionalen Anbieter.
Steigender internationaler Wettbewerb, der auch durch das
kontinuierliche Sinken der Zölle gefördert werde, habe zahlreiche
unerwünschte Konsequenzen: Unternehmensfusionen, Insolvenzen,
Verlagerungen von Firmen. Als Beispiel nannte Brückl unter anderem die
Zahl der Insolvenzen, die in Deutschland von 8000 im Jahr 1991
kontinuierlich auf knapp 40 000 im Jahr 2002 gestiegen sei. Auch das
hohe Lohnniveau in Deutschland werde erst bei geringen
Transportwiderständen zu einer Bedrohung für die bundesdeutsche
Wirtschaft: "Wenn durch Infrastrukturausbau und die Entwicklung der
Telekommunikation die Transportwiderstände sinken, ist das
problematisch für diejenigen, die noch höhe Löhne haben", sagte Brückl.
Seine Zusammenfassung: "Es boomen die Effekte, die wir nicht wollen:
Pleiten, Arbeitslosigkeit, LKW-Verkehr." Sein Rat an Regionalpolitker
lautet deshalb: "Überlegt euch gut, wofür ihr Geld verwendet." Nach
Brückls Auffassung ist es ökonomisch vernünftiger, mit staatlichen
Mitteln die weichen Standortfaktoren zu stärken: "Ein
unternehmerfreundliches Klima lohnt sich, ebenso eine hohe Flexibilität
der Institutionen. Auch unkonventionelle Allianzen und die Kreativität
von staatlichen Institutionen und Unternehmen sichern den
wirtschaftlichen Erfolg einer Region stärker als es der Straßenbau
tut."
"Mir ist wurscht, ob die B 12 ausgebaut wird oder die A 94. Nur schnell muss es gehen." Die Abschluss-Diskussion in ausgewählten Zitaten
Die Teilnehmer auf dem Podium:
Hans Rambold, CSU. Seit 1984 in der Kommunalpolitik, seit 1998
Bürgermeister der Marktgemeinde Buchbach, seit 2003 im Bayerischen
Landtag. Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts.
Thomas Beyer, SPD. Seit 2003 im Bayerischen Landtag,
verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Daneben Kreistag in
Nürnberg-Land. Rechtsanwalt.
Christian Magerl, Grüne. Von 1986 bis 1998 Mitglied des Bayerischen Landtags. Nach einer Pause seit 2003 wieder im Landtag.
Thomas Puls, Diplom-Volkswirt, Institut der Deutschen Wirtschaft.
Stephan Brückl, Diplom-Ökonom, Inhaber des "Süddeutschen Instituts für nachhaltiges Wirtschaften".
Was braucht Wacker-Chemie?
Willi Kleine, Werksleiter bei Wacker-Chemie in Burghausen:
Wir haben 10 000 Beschäftigte, wir machen 8 Milliarden Umsatz. Wir
exportieren 80 Prozent unserer Produkte und leiden seit Jahren
darunter, dass wir weder eine vernünftige Bahnanbindung noch eine
vernünftige Straßenanbindung haben. Die Bahn bietet uns nur eine
eingleisige Strecke mit Gewichts-und Längenbeschränkung. Trotzdem
gelingt es uns, 45 Prozent unserer Waren darüber zu unseren Kunden zu
bringen. Also: Wir brauchen Verbesserungen bei Bahn und Straße - und es
muss schnell gehen. Wir darben schon seit 25 Jahren.
Hans Rambold: Mit lauter weichen Standortfaktoren kann man
ein Chemiedreieck nicht retten. Die Infrastruktur - die Straße - ist in
unserer Zeit das Entscheidende. Unsere Region steht auch im Wettbewerb
zu andereren. Sie kriegen in Deutschland Gewerbeflächen mit direktem
Autobahnanschluss in großer Zahl. Wenn wir da nicht mithalten, können
wir dichtmachen.
Christian Magerl: Die Schienenanbindung des Chemiedreiecks
muss dringend verbessert werden - keine Frage. Ich bedauere zutiefst,
dass da so lange nichts vorwärts gegangen ist.
Heiner Müller-Ermann, Aktionsgemeinschaft gegen die A 94:
Alle, auch die Autobahngegner im Isental, sind sich einig: Wir brauchen
neben einer modernisierten Bahn auch eine sichere und leistungsfähige
Straßenverbindung. Dafür gibt es zwei positiv raumgeordnete Trassen. An
der Notwendigkeit besteht also kein Zweifel. Wir allerdings wollen
anstelle einer zusätzlichen und neu trassieren Isentalautobahn eine
Lösung im Bereich der bestehenden B 12.
Was bringen Autobahnen?
Thomas Puls: Der Ausbau von Autobahnen bringt nicht den großen Wachstumsschub. Andere Standortfaktoren sind sicherlich wichtiger.
Christian Magerl: Die Frage ist doch: Was bringen Autobahnen?
Hof zum Beispiel ist umzingelt von Autobahnen - und ist trotzdem das
Armenhaus der Republik.
Thomas Beyer: Insgesamt muss es drum gehen, die regionale
Wirtschaftskraft zu entfalten. Sicher birgt jede Öffnung des Marktes
die Gefahr, dass auch Wirtschaftskraft abfliesst. Doch wir brauchen
auch ein gewisses Maß an Infrastruktur, um die vorhandene Industrie zu
halten.
Willi Kleine, Wacker-Chemie: Ich muss nicht Autobahnen
hinpflastern, bloß um Autobahnen zu bauen. Sicher wollen wir so viel
Verkehr wie möglich auf die Schiene verlagern. Wacker hat in fünf
Jahren ein Containerterminal mit eigenen Finanzmitteln aufgebaut. Aber:
Maximal 50 bis 60 Prozent können wir über die Schiene versenden - der
Rest wird entweder sehr kurzfristig bestellt oder geht zu Kunden, die
keinen Bahnanschluss haben oder keine Bahnlieferung wollen. Also
brauchen wir beides - denn ohne Straße geht es nicht. Mir ist dabei
relativ wurscht, ob die B 12 ausgebaut wird oder die A 94. Nur schnell
muss es gehen.
Wie viele Milliarden für den Straßenbau?
Richard Mergner, Bund Naturschutz: Der Bundestag hat
beschlossen, das in Bayern bis zum Jahr 2015 13 Milliarden Euro in den
Straßenneubau investiert werden sollen. Der CSU und der FDP ist selbst
das noch viel zu wenig. Die Begründung vor Ort ist immer die gleiche:
Neue Straßen sichern Arbeitsplätze und Wohlstand. Doch mir stellt sich
die Frage, ob hier noch rational ökonomisch gedacht wird. Es ist doch
nicht so, dass wir ein unerschlossenes Entwicklungsland wären.
. Hans Rambold: Man muss doch vom Bedarf ausgehen. Wenn Sie diese 13 Milliarden auf die einzelnen Projekte aufteilen, ist es knapp.
Christian Magerl: Der Betrag ist eindeutig zu hoch. Es wurde
viel zu wenig geschaut, was wir in Bayern wirklich dringend noch
brauchen. Außerdem haben wir derzeit einen deutlichen Wandel im
Verkehrsgeschehen: Im Pkw-Bereich gibt es eine deutlich rückläufige
Entwicklung. Das ist in den Planungen nicht enthalten.
Thomas Beyer: Allein die Zahl der 13 Milliarden ist es nicht.
Wir müssen Lücken schließen, die Leistungsfähigkeit des Verkehrssystems
verbessern.
Stephan Brückl: Ich warne nochmals davor, bei
Wirtschaftsförderung immer nur an Straßenbau zu denken. Gerade schwache
Regionen können durch Autobahnen eher noch benachteiligt werden. Denn
die sind immer in zwei Richtungen zu benutzen. Man sollte deshalb immer
sehr genau schauen, was einer Region wirklich hilft.
Zur Gesamtdiskussion: Im Verlauf der Diskussionen im
Anschluß an die Referate wurde von den Tagungsteilnehmern auf eine
ganze Reihe von Untersuchungen und Studien zu diesem Thema hingewiesen.
Stellvertretend dafür sei hier eine Arbeit von „Interface – Institut
für Politikstudien“ aus Luzern genannt. Unter dem Titel „Autobahnbau
als Instrument zur Förderung regionaler Wirtschaft?“ hat Dr. Stefan
Rieder dabei eine Analyse aus der Sicht der Ökonomie und der
Politikwissenschaft erstellt. Darin wird festgehalten, daß die
relativen Kosten für den Transport im Durchschnitt nur 1,5 bis 2 % der
Gesamtkosten ausmachten. Selbst wenn ein Straßenbauprogramm die
Transportkosten um 10 % senken könnte, würden dadurch die
Produktionskosten nur um 0,2 % reduziert. Effekte in Bezug auf
Wachstum und Beschäftigung seien relativ bescheiden und oftmals im
Bereich der Ungenauigkeit der Messung (plus/minus 1 %).
Stefan Rieder resümiert dies aus einer Reihe von empirischen
Untersuchungen, deren Resultate insgesamt sehr einheitlich seien. Die
positiven wirtschaftlichen Effekte des Autobahnbaus seien relativ klein
und am wahrscheinlichsten in Regionen, die ohnehin wirtschaftlich gut
entwickelt seien. In wirtschaftlichen Randregionen hingegen sei der
positive wirtschaftliche Effekt eher klein und halte sich mit den
Kosten etwa die Waage. Einige Studien wiesen sogar auf negative
ökonomische Effekte von Autobahnen für Randregionen hin.
Daß der einseitige Ausbau von Fernstraßen die Gefahr berge,
bestehende ökonomische Unterschiede zwischen besser und schlechter
entwickelten Regionen könnten sich noch verstärken, sei im übrigen
nicht neu. Arbeiten dazu gebe es bereits seit Beginn der 70 er Jahre.
Dennoch gelte in weiten Teilen der Politik weiterhin die Regel,
daß der Bau von Autobahnen der Wirtschaft und damit den Arbeitsplätzen
diene. In einem zweiten, politikwissenschaftlich orientierten (und
ebenfalls sehr interessanten) Teil seiner Studie untersucht Rieder
deshalb die Handlungsweise der Entscheidungsträger mit dem Instrument
der ökonomischen Theorie der Politik. (Die gesamte Studie steht unter: www.interface-politikstudien.ch/5neu.pdf)
Wo bleibt die Exekutive?
Im Rahmen der zweitägigen Veranstaltung tauchte auch mehrmals die
Frage auf, warum keine Vertreter der Exekutive anwesend waren. Wir
mussten leider immer wieder zur Antwort geben, daß sowohl der
zuständige Leiter der Abteilung Straßenbau beim
Bundesverkehrsministerium acht Monate vor der Tagung eingeladen wurde,
als auch der entsprechende Vertreter des Bayerischen Innenministeriums,
das im Freistaat für den Straßenbau zuständig ist. Beide sagten mit ähnlich lautenden Schreiben ab,
und lehnten es auch ab, eine Vertretung zu schicken. Ebenfalls abgesagt
hatte der als großer Interessenverband eingeladene ADAC.
Ohne die Absagen der zuständigen Ministerien weiter kommentieren zu
wollen, sei hier nur auf eine Anfrage des Grünen Abgeordneten Wenzel
vom 7. 12. 2001 hingewiesen. Er fragte die niedersächsische
Landesregierung, wie sie eine Reihe von Veröffentlichungen einschätze,
die sich kritisch mit dem Zusammenhang von Straßenbau und
Arbeitsplätzen auseinandersetzt. Antwort: „Die angesprochenen Untersuchungen gelten in Fachkreisen als veraltet und als von der Praxis widerlegt.“
Und im allgemeinen Teil der Antwort fügt das niedersächsische
Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Verkehr hinzu: „Es ist
anerkannte Fachmeinung, daß der Bau von Verkehrsinfrastruktur erheblich
verbesserte Rahmenbedingungen für die Mobilität von Menschen und Gütern
bewirkt. Stärkere Arbeitsteilung, räumliche Ausdehnung der Bezugs- und
Absatzmärkte, größere Wettbewerbsfähigkeit des ‚tradeable sectors’ sind
positive Folgeerscheinungen und Option auf Produktivitäts-, Wachstums-
und Beschäftigungsentwicklung in einer Region.“
Es ist rein zufällig, daß hier eine Antwort der niedersächsischen
Exekutive steht. Vergleichbares hätte auch aus anderen
Länderministerien oder aus dem BMVBW kommen können. Umso mehr ist zu bedauern, daß man sich auf dieser Seite immer noch der Diskussion dieser Problematik entzieht.
Joachim Käppner am 6./7. 11. 04 in der Süddeutschen Zeitung: Es
ist ein weiter Weg nach Furtwangen. Bei Villingen-Schwenningen muß man
die Autobahn verlassen und der Bundesstraße33 folgen, die sich
verkehrsreich durch den Hochschwarzwald schleppt. In Sankt Georgen geht
es scharf nach links, dann auf Nebenstraßen geradezu hinauf in die
Wolken. Erst nach einer Dreiviertelstunde erreicht man Furtwangen.
(...) Furtwangen bietet nichts, womit andere Standorte prahlen, eines
aber, was sonst in Deutschland so dringend gesucht wird: Arbeit. 10 000
Bewohner hat die Stadt und 4500 Arbeitsplätze. Es gibt hier gleich ein
halbes Dutzend Betriebe mit mehr als 200 Beschäftigten. Und die Stadt
wird immer wieder mal als diejenige mit der geringsten Arbeitslosigkeit
in Deutschland geführt, zuletzt 2001 mit 2,0 Prozent.
Fazit:
Sowohl theoretisch als auch empirisch lässt sich im Regelfall ein
positiver Zusammenhang zwischen Straßenbau und Beschäftigung nicht
(mehr) erkennen. Dies gilt im besonderen für ein straßenmäßig so perfekt erschlossenes Land wie die Bundesrepublik Deutschland.
Offensichtlich kommt hier das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen“ (d.h.
jeder zusätzlich eingesetzte Euro bringt weniger zusätzlichen Nutzen
als der vorherige) voll zum Tragen. Der Nutzen zusätzlicher Straßen
geht gegen Null. Es mehren sich darüber hinaus die Anzeichen, daß der
Grenznutzen ( = Nutzenzuwachs) negativ wird, daß also zusätzlicher
Straßenbau sogar arbeitsplatzvernichtende Wirkung aufweisen kann.
Wird demhingegen auf die augenfällige Agglomeration von
Gewerbegebieten an manchen Autobahnausfahrten verwiesen, dann zeigt
sich bei näherer Analyse, daß dem meist eine innerregionale
Entscheidung vorausgegangen war. D.h., ein Unternehmen, das sich
aufgrund anderer Standortfaktoren (Grundstücksverfügbarkeit,
Arbeitskosten, Gewerbesteuer, Vorlieferanten, Absatzmärkte u.a.m.) für
die Ansiedlung in einer bestimmten Region entschieden hat, wird dort
natürlich den verkehrsmäßig am besten erschlossenen Standort wählen. Für die grundsätzliche Standortentscheidung spielen jedoch Transportkosten so gut wie keine Rolle.
Somit stellte sich in der Diskussion immer wieder die Frage, warum
dennoch der Mythos vom volkswirtschaftlichen Nutzen des Straßenbaus so
hartnäckig bestehen bleibt. Eine wichtige Rolle spielten dabei
sicherlich die Erfahrungen, die in früheren Jahrzehnten mit einer
Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur gemacht worden waren. Wenn
früher durch den Bau von Verkehrswegen manche Region überhaupt erst
erreichbar und der Austausch verschiedener Güter möglich wurde, dann
brachte dies zweifellos eine Wohlfahrtssteigerung mit sich.
Fälschlicherweise aber wird dieser Effekt von weiten Kreisen der
Politik, der Wirtschaft, der Medien und auch der Bevölkerung als eine
Art Naturgesetz verstanden, das auch noch beim dichtmaschigsten
Straßennetz wirken soll.
Aus diesem Grund gilt es heute politisch immer noch als eine
„sichere Bank“, auf mehr Straßen zur Förderung der Wirtschaft zu
setzen. Straßen sind staatliche Leistungen, die die Wählerschaft sehen
und benutzen kann. Straßen lassen sich wählerwirksam einweihen und
sie lassen sich im Vorfeld „erkämpfen“ („Wieder ist es dem
unermüdlichen Einsatz des Abgeordneten X gelungen, Gelder für den Bau
unserer so dringend benötigten Straße von Y nach Z locker zu machen.“). Kurzum, der Politiker, die Politikerin hat „Geld in die Region gebracht“.
Folgerungen: Ein Ausweg – so wurde in den Diskussionen immer
wieder gefordert – muß deshalb in einem völlig anderen Ansatz der
Regionalförderung liegen. Bisher heißt es: Um die Infrastruktur in
einer Region zu stärken, wird die Summe X für den Straßenbau
bereitgestellt. Dabei wird in einer Nutzen-Kosten-Analyse berechnet,
welche Straße als erste, welche als zweite usw. realisiert wird. Künftig
sollte es heißen: Es wird – wie bisher – die Summe X bereitgestellt.
Aber dann wird, zusammen mit den Entscheidungsträgern in der Region
geprüft, in welcher Verwendung das Geld den höchsten Nutzen erzielt. Das
kann vielleicht ein überbetriebliches Ausbildungszentrum in der Region
sein. An zweiter Stelle steht möglicherweise eine Strukturhilfe für
Betriebe aus einer gefährdeten Branche. Drittens wäre eine
Vermarktungshilfe für regionale Produkte denkbar, viertens der Bau
einer Straße, fünftens die Schaffung eines Gründerzentrums für junge
Unternehmen usw.
Die reformierte Infrastrukturpolitik würde also nicht automatisch
Geld in den Bau immer perfekterer Straßen stecken sondern die
Möglichkeiten zur Stärkung einer Region auf breiter Basis untersuchen. Das heißt, der Straßenbau muß sich im Wettbewerb mit anderen Infrastrukturmaßnahmen messen.
Wenn dabei der Straßenbau den höchsten Nutzen erbringt, dann soll er
natürlich auch realisiert werden. Bringt jedoch eine andere Investition
mehr für die Region, dann hat eben diese den Vorrang.
Natürlich erhebt sich der Einwand, daß es nicht einfach sein wird,
Bewertungskriterien für die hier vorgeschlagene, vergleichende
Nutzen-Kosten-Analyse aufzustellen. Verglichen mit der herrschenden
Praxis der Nutzen-Kosten-Analyse, bei der eben nur Straßen
konkurrieren, ist jedoch jede Erweiterung des Nutzenbegriffs sinnvoll.
Denn es muß noch einmal betont werden: Die meisten Untersuchungen
zeigen, daß weiterer Straßenbau nicht nur keine Arbeitsplätze für die
Regionen bringt, sondern daß er sogar Arbeitsplätze kosten kann. Es
werden also riesige Mengen des knappen Geldes buchstäblich verbrannt. Vergleichbar
wäre dies einem verantwortungslosen Arzt, der einen Patienten dauerhaft
mit einem wirkungslosen, ja möglicherweise sogar schädlichen Medikament
behandelt, nur weil er nicht bereit ist, über andere Medikamente
nachzudenken.
Setzt man hingegen den erweiterten Nutzenbegriff ein, wägt man also
verschiedenste Arzneien ab, um dem Patienten Region zu helfen, dann
wird sich bereits nach einer kurzen Eingewöhnungszeit zeigen: Bei den
Betroffenen in den Regionen ist ein hohes Maß an Sachverstand und
Rationalität vorhanden, um herauszuarbeiten, was der Region wirklich am meisten nützt.
Der bisher so laute Ruf nach Straßenbau zeigt nämlich lediglich, daß in
der Vergangenheit keine Alternativen vorgelegt wurden. Und wenn einmal
vorsichtige Versuche unternommen wurden, anstelle einer Straße eine
andere Infrastrukturmaßnahme anzumahnen, wurde dies mit dem Hinweis
aufs Haushaltsrecht abgelehnt.
Voraussetzung für dieses neue Instrument der Regionalförderung muß
deshalb natürlich auch eine Änderung der Praxis der verschiedenen Töpfe
im Haushaltswesen sein. Rechtlich ist dies kein Problem - politische
Mehrheiten für das neue Instrument zu finden wird, vorsichtig
ausgedrückt, allerdings noch mit gewissen Schwierigkeiten verbunden
sein. Allein angesichts der riesigen Finanzprobleme der
öffentlichen Haushalte könnte diese neue Form der Regionalförderung
jedoch eine echte Alternative darstellen.
Kontakt: Aktionsgemeinschaft gegen die A 94, Heiner Müller-Ermann, Ruprechtsberg 19, 84405 Dorfen
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