Startseite arrow Alternativen zur A39 arrow Verkehr arrow Mehr Wert für die Fläche
Nächste Termine
11.08.10 - 18:00 Uhr
Umweltverein Gellersen e. V.
Mehr Wert für die Fläche PDF Drucken E-Mail
Konzepte gegen die Versiegelung der Böden

(Deutschlandfunk, 19.04.04)

URL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/257038/

Von Annette Eversberg

Der Flächenverbrauch in Deutschland ist erheblich. Täglich gehen 105 Hektar Fläche für Häuser, Gewerbe- und Verkehrsflächen verloren. Wenn dies so weiter ginge, dann wäre Deutschland in 80 Jahren fast völlig zugepflastert. Deshalb hat der Rat für Nachhaltigkeit in Berlin die Informationen von Architekten, Stadtplanern, Kommunen, der Landwirtschaft und des Naturschutzes ausgewertet und daraus Empfehlungen für eine nachhaltige Flächennutzung formuliert. Der Entwurf liegt nun vor und wird zur Diskussion gestellt. Heute tagt im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin der Rat für Nachhaltigkeit zum Thema: Mehr Wert für die Fläche - das 30 Hektar Ziel 2020.

Das Häuschen auf der grünen Wiese ist seit dem Kriege ein Traum in Deutschland. Steuerliche Vorteile wie die Eigenheimzulage machten es möglich. Städte und Gemeinden stellten das Bauland zur Verfügung. Flächennutzungspläne erfassen in erster Linie solche Flächen, die man künftig zu Wohn- und Gewerbegebieten, aber auch zu Straßen und Plätzen umfunktionieren kann. Dass durch solch einen Flächenverbrauch ein Schaden für die Umwelt entsteht, wird weniger wahrgenommen als bei der Belastung von Gewässern oder Luft. Doch die ökologische Belastung durch Flächenverbrauch ist erheblich, erläutert Dr. Stefan Siedentop vom Leibniz-Institut für Ökologische Raumentwicklung in Dresden:

Beispielsweise der Verlust von Pflanzendecke, die Versieglung von naturnahen Böden. Der Abtrag von Böden und damit zusammenhängende quasi Umweltfolgen in der näheren Umgebung. Wie klimatische Veränderungen oder durch die Versieglung erhöhter Oberflächenabfluss. Daneben unterscheidet man sogenannte indirekte Wirkungen, beispielsweise Zersiedlungseffekte durch die unkoordinierte Baulandausweisung im Umland der Städte, die im extremen Masse auch mehr Verkehr produzieren oder Klimaveränderungen im stadtregionalen Maßstab.

Im Entwurf der Empfehlungen des Rates für Nachhaltigkeit in Berlin werden diese Aspekte zum ersten Mal zusammengetragen. Dabei geht es allerdings nicht allein um die ökologische Bewertung des Flächenbrauchs. Die Umweltbelastung hat beim Flächenverbrauch auch erhebliche wirtschaftliche und soziale Folgen. Die wirtschaftlichen Konsequenzen belasten vor allem die Gemeinden, betont Dr. Günther Bachmann, Geschäftsführer des Rates für Nachhaltigkeit in Berlin:

Wir glauben, dass viele Städte und Gemeinden heute unter Schattenkosten leiden, weil sie die Erschließung von neuen Baugebieten, weil sie den Bestand im Grunde genommen mit hohen Kosten: Ver- und Entsorgung, öffentlicher Nahverkehr subventionieren. Und wer weiter in die grüne Wiese baut, der schafft sich Kosten, die in 20, 30 Jahren auf ihn zukommen.

Die soziale Dimension des Flächenverbrauchs führt zur Veränderung in den Städten. Dort macht sich auch die demografische Entwicklung bemerkbar. Immer mehr ältere Menschen wohnen am Stadtrand, ohne dass sie schnell einen Supermarkt oder eine Apotheke erreichen können. Die sozial schwächeren Bewohner bleiben in der Stadt und verändern das Bild. Der Rat für Nachhaltigkeit plädiert in seinem Entwurf zu einem nachhaltigen Umgang mit dem Flächenverbrauch für einen Wettbewerb der Städte und Kommunen um eine lebenswerte Stadt. Fortschrittliche Städte haben bereits ein Brachflächenkataster aufgestellt, um den städtischen Raum zu verdichten und gleichzeitig das Angebot an Schulen, Ärzten und Krankenhäusern zu verbessern. Günter Bachmann will keinen Gegensatz von Stadt und Land, sondern plädiert dafür, sich der Grenzen der Stadt stärker bewusst zu werden. Denn sehr häufig werden für Baumaßnahmen im Außenbereich die fruchtbarsten landwirtschaftlichen Böden verbraucht:

Wir wollen doch in der Landwirtschaft hinkommen zu regional eingebundenen Produktionskreisläufen, wir wollen ökologische und regionale Produktion in der Stadt verkaufen. Deshalb darf man aus der Sicht der Landwirtschaft nicht mehr die hochfruchtbaren Böden für die Siedlungsentwicklung bereitstellen. Das was die Stadt, das Land, der Bund, die Interessenvertreter tun könnten, wäre hier wenigstens Bewusstsein zu schaffen, dass man diesen engen Zusammenhang: Stadt und Land auch organisieren muss und nicht als endlos ausufernde Parkplätze für Park- and Ride-Systeme.

Das kann durch die Ökologisierung von Flächennutzungsplänen oder durch steuerliche Instrumente geschehen. Deshalb begrüßen die Fachleute den Abbau der Pendlerpauschale. Aber auch die Senkung der Eigenheimzulage kann die Entwicklung hin zur grünen Wiese umkehren. Zum Wohle der Stadt. Stefan Siedentop vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung will allerdings als Mittel der Eigentumsbildung grundsätzlich daran festhalten. Dennoch sieht er auch hier die Möglichkeit, die Eigenheimzulage zu ökologisieren:

Ich könnte mir vorstellen, dass man sie langfristig oder mittelfristig umgestaltet zu einem bestandsorientierten Förderinstrumentarium. Dass sie nur noch bei Maßnahmen im Bestand ausgezahlt wird. Und wer auf der grünen Wiese bauen will, wer ein Eigenheim auf vorher landwirtschaftlich genutztem Boden erwerben will, kann das tun. Aber nicht staatlich gefördert. Das wäre meine Forderung.

 
< zurück   weiter >
© 2010 Keine A39!
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.