Konzepte gegen die Versiegelung der Böden
(Deutschlandfunk, 19.04.04)
URL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/257038/
Von Annette Eversberg
Der Flächenverbrauch in Deutschland ist erheblich. Täglich gehen 105
Hektar Fläche für Häuser, Gewerbe- und Verkehrsflächen verloren. Wenn
dies so weiter ginge, dann wäre Deutschland in 80 Jahren fast völlig
zugepflastert. Deshalb hat der Rat für Nachhaltigkeit in Berlin die
Informationen von Architekten, Stadtplanern, Kommunen, der
Landwirtschaft und des Naturschutzes ausgewertet und daraus
Empfehlungen für eine nachhaltige Flächennutzung formuliert. Der
Entwurf liegt nun vor und wird zur Diskussion gestellt. Heute tagt im
Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin der Rat für
Nachhaltigkeit zum Thema: Mehr Wert für die Fläche - das 30 Hektar Ziel
2020.
Das Häuschen auf der grünen Wiese ist seit dem Kriege ein Traum in
Deutschland. Steuerliche Vorteile wie die Eigenheimzulage machten es
möglich. Städte und Gemeinden stellten das Bauland zur Verfügung.
Flächennutzungspläne erfassen in erster Linie solche Flächen, die man
künftig zu Wohn- und Gewerbegebieten, aber auch zu Straßen und Plätzen
umfunktionieren kann. Dass durch solch einen Flächenverbrauch ein
Schaden für die Umwelt entsteht, wird weniger wahrgenommen als bei der
Belastung von Gewässern oder Luft. Doch die ökologische Belastung durch
Flächenverbrauch ist erheblich, erläutert Dr. Stefan Siedentop vom
Leibniz-Institut für Ökologische Raumentwicklung in Dresden:
Beispielsweise der Verlust von Pflanzendecke, die Versieglung von
naturnahen Böden. Der Abtrag von Böden und damit zusammenhängende quasi
Umweltfolgen in der näheren Umgebung. Wie klimatische Veränderungen
oder durch die Versieglung erhöhter Oberflächenabfluss. Daneben
unterscheidet man sogenannte indirekte Wirkungen, beispielsweise
Zersiedlungseffekte durch die unkoordinierte Baulandausweisung im
Umland der Städte, die im extremen Masse auch mehr Verkehr produzieren
oder Klimaveränderungen im stadtregionalen Maßstab.
Im Entwurf der Empfehlungen des Rates für Nachhaltigkeit in Berlin
werden diese Aspekte zum ersten Mal zusammengetragen. Dabei geht es
allerdings nicht allein um die ökologische Bewertung des
Flächenbrauchs. Die Umweltbelastung hat beim Flächenverbrauch auch
erhebliche wirtschaftliche und soziale Folgen. Die wirtschaftlichen
Konsequenzen belasten vor allem die Gemeinden, betont Dr. Günther
Bachmann, Geschäftsführer des Rates für Nachhaltigkeit in Berlin:
Wir glauben, dass viele Städte und Gemeinden heute unter
Schattenkosten leiden, weil sie die Erschließung von neuen Baugebieten,
weil sie den Bestand im Grunde genommen mit hohen Kosten: Ver- und
Entsorgung, öffentlicher Nahverkehr subventionieren. Und wer weiter in
die grüne Wiese baut, der schafft sich Kosten, die in 20, 30 Jahren auf
ihn zukommen.
Die soziale Dimension des Flächenverbrauchs führt zur Veränderung in
den Städten. Dort macht sich auch die demografische Entwicklung
bemerkbar. Immer mehr ältere Menschen wohnen am Stadtrand, ohne dass
sie schnell einen Supermarkt oder eine Apotheke erreichen können. Die
sozial schwächeren Bewohner bleiben in der Stadt und verändern das
Bild. Der Rat für Nachhaltigkeit plädiert in seinem Entwurf zu einem
nachhaltigen Umgang mit dem Flächenverbrauch für einen Wettbewerb der
Städte und Kommunen um eine lebenswerte Stadt. Fortschrittliche Städte
haben bereits ein Brachflächenkataster aufgestellt, um den städtischen
Raum zu verdichten und gleichzeitig das Angebot an Schulen, Ärzten und
Krankenhäusern zu verbessern. Günter Bachmann will keinen Gegensatz von
Stadt und Land, sondern plädiert dafür, sich der Grenzen der Stadt
stärker bewusst zu werden. Denn sehr häufig werden für Baumaßnahmen im
Außenbereich die fruchtbarsten landwirtschaftlichen Böden verbraucht:
Wir wollen doch in der Landwirtschaft hinkommen zu regional
eingebundenen Produktionskreisläufen, wir wollen ökologische und
regionale Produktion in der Stadt verkaufen. Deshalb darf man aus der
Sicht der Landwirtschaft nicht mehr die hochfruchtbaren Böden für die
Siedlungsentwicklung bereitstellen. Das was die Stadt, das Land, der
Bund, die Interessenvertreter tun könnten, wäre hier wenigstens
Bewusstsein zu schaffen, dass man diesen engen Zusammenhang: Stadt und
Land auch organisieren muss und nicht als endlos ausufernde Parkplätze
für Park- and Ride-Systeme.
Das kann durch die Ökologisierung von Flächennutzungsplänen oder
durch steuerliche Instrumente geschehen. Deshalb begrüßen die Fachleute
den Abbau der Pendlerpauschale. Aber auch die Senkung der
Eigenheimzulage kann die Entwicklung hin zur grünen Wiese umkehren. Zum
Wohle der Stadt. Stefan Siedentop vom Leibniz-Institut für ökologische
Raumentwicklung will allerdings als Mittel der Eigentumsbildung
grundsätzlich daran festhalten. Dennoch sieht er auch hier die
Möglichkeit, die Eigenheimzulage zu ökologisieren:
Ich könnte mir vorstellen, dass man sie langfristig oder
mittelfristig umgestaltet zu einem bestandsorientierten
Förderinstrumentarium. Dass sie nur noch bei Maßnahmen im Bestand
ausgezahlt wird. Und wer auf der grünen Wiese bauen will, wer ein
Eigenheim auf vorher landwirtschaftlich genutztem Boden erwerben will,
kann das tun. Aber nicht staatlich gefördert. Das wäre meine Forderung.
|