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13.06.12 - 18:00 Uhr
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Joghurt auf Reisen Zwingt die teure Energie den Handel zum Umdenken? PDF Drucken E-Mail

Wenn es um Lebensmittel geht, fehlt es den deutschen Verbrauchern an nichts. Erntefrische Ananas werden aus Afrika eingeflogen, Kiwis aus Neuseeland. Auch ausgefallene Wünsche werden erfüllt, wie etwa Mineralwasser aus geschmolzenem arktischem Gletschereis. Dabei bringen es viele Erzeugnisse auf Reisewege von mehreren tausend Kilometern. Doch das gilt nicht nur für exotisch anmutende Waren. Auch ein gewöhnlicher Joghurt legt im Durchschnitt 9000 Kilometer zurück, bis er im Kühlregal steht. Roherzeugnisse werden auf weite Reisen geschickt. Nordseekrabben werden zum Pulen nach Marokko, Kartoffeln zum Waschen nach Polen gebracht.

Der drastische Anstieg der Energiekosten, etwa für Diesel oder Kerosin, trifft daher auch Lebensmittelhandel und –industrie. Nach der Einführung der LKW-Maut kommen nun weitere Kostensteigerungen auf die Unternehmen zu. In der Branche geht man davon aus, dass allein die Mautgebühren die Transportkosten in diesem Jahr um sieben Prozent erhöhen werden. Hinzu kommen jetzt noch die höheren Kraftstoffpreise; seit Januar hat sich der Liter Diesel um mehr als zwanzig Prozent verteuert.

Die Mehrausgaben lassen sich jedoch kurzfristig nicht auf die Verbraucher überwälzen, das gilt vor allem für den Handel. „In der Branche herrscht ein beinharter Wettbewerb“, begründet dies der Bundesverband des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Der Konkurrenzkampf von Discountern wie Aldi oder Lidl verstärkt den Preisdruck in der gesamten Branche, so dass die Preise im Lebensmittelhandel im ersten Halbjahr durchschnittlich sogar um 0,1 Prozent gefallen sind, während die Lebenshaltungskosten im gleichen Zeitraum um 1,8 Prozent stiegen. Die höheren Transportkosten schlagen zunächst voll auf die Erträge durch.

Die Rationalisierungen der Lebensmittelbranche in den vergangenen Jahrzehnten zeigt nun ihre Schattenseiten. Durch Fusionen und Übernahmen verschwanden viele regionale Erzeuger. Stattdessen entstanden wenige, dafür zentral angesiedelte Großproduktionsstätten und –lager, verteilt über ganz Europa. Dadurch haben sich die Transportwege, die ein einzelnes Nahrungsmittel bis zum Endverbraucher zurücklegt, erheblich verlängert. Verkehrsexperten der Universität Kassel glauben, dass die Güterverkehrsleistungen dadurch in den vergangenen fünf Jahren um 85 Prozent zugelegt haben. Das heißt, es wird mehr, vor allem aber über größere Distanzen transportiert. Auch im Lebensmittelhandel hat sich die „Just in time“-Lieferung durchgesetzt. Supermärkte halten nur noch das Notwendigste auf lager, der größte Teil der Waren wird täglich, je nach bedarf, bei der Zentrale oder bei Lieferanten bestellt.

Insgesamt werden die Transportkosten für Lebensmittel in Deutschland auf mehr als 4,6 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Noch nicht berücksichtigt sind in dieser Zahl die Mautgebühren und die höheren Energiepreise, genau so wenig wie die möglichen externen Kosten, die nicht direkt vom Erzeuger getragen werden müssen. Gemeint sind hier die Folgeschäden etwa durch Umweltbelastungen, für die der Steuerzahler aufkommen muss. Alois Heißenhuber, Professor für Landbau und Transportwesen in Weihenstephan, schätzt, dass sich die externen Kosten des Verkehrs binnen fünf Jahren auf 21 Milliarden Euro verdoppelt haben.

Stark zugenommen hat auch der Austausch eigentlich identischer Produkte über die Grenzen. Das verdeutlicht ein Beispiel aus Großbritannien: Dort wurden im Jahr  2000 gut 213 000 Tonnen Schweinefleisch exportiert und zugleich 272 000 Tonnen importiert. „Das entspricht 20 000 zusätzlichen und aus ökologischer Sicht völlig überflüssigen LKW-Fahrten“, ergänzt Heißenhuber. Er ist sich sicher, dass „die steigenden Energiepreise langfristig zu einem Umdenken führen werden“.

Einen möglichen Ausweg sieht er im Ausbau regionaler Absatzwege. „Gut 80 Prozent des durchschnittlichen Lebensmitte-Warenkorbes können mit Erzeugnissen aus der nähren Umgebung gefüllt werden.“ Bei einigen Handelsunternehmen ist dieses Konzept bereits Teil der Vermarktungsstrategie, wie bei der Allgäuer Lebensmittelkette Feneberg, die in ihren 77 Märkten unter der Marke „VonHier“ ein breites Sortiment von Produkten verkauft, die im Radius von 100 Kilometern rund um den Firmensitz in Kempten erzeugt werden. In Österrreich setzen Spar und Billa, in der Schweiz Coop und Migros ebenfalls auf Regionalkonzepte.                                     

Silvia Liebrich 

Süddeutsche Zeitung vom 8. September 2005             

 
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