EU-Erweiterung, Ausbau der Infrastruktur und Auswirkungen auf die Umwelt
(Deutschlandfunk, 05.02.04)
URL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/233488/
Von Thomas Wagner
Die Chancen und Risiken der Erweiterung der Europäischen Union - in
allen Wirtschaftszweigen und Branchen wird dieses Thema derzeit
intensiv und kontrovers diskutiert. Wenn im Mai dieses Jahres die so
genannte EU-Osterweiterung vollzogen wird, dann wächst der Binnenmarkt
von 380 auf 450 Millionen Menschen. Und die wollen mit Gütern versorgen
und versorgt werden und die wollen reisen. Der Abbau von Zollschranken
wird einen enormen Zuwachs an Verkehr nach sich ziehen - mit den
entsprechenden Belastungen für die Umwelt. Wie und ob sich die
zunehmende Verkehrsbelastung eindämmen lässt und wie die daraus
resultierenden Umweltschäden möglichst gering gehalten werden können,
darüber diskutieren Fachleute auf einem Welt-Mobil-Forum in Stuttgart.
Beispiel Österreich: Bereits jetzt gilt die Alpenrepublik als eines
der meist frequentiertesten Transitländer in der Europäischen Union.
Doch wenn ab Anfang Mai dieses Jahres die erste Runde der
EU-Erweiterung Wirklichkeit wird, schwant vielen Österreichern
Schlimmes: LKW jeglicher Größenordnung werden zunehmend aus den
östlichen Beitrittsländern zu allererst durch Österreich rumpeln. Daran
gibt es für den österreichischen Verkehrsminister Hubert Gorbach nichts
zu rütteln:
Naja, die Prognosen bis 2015 in Österreich sagen: Bis zu 70 Prozent
Zuwachs im LKW-Bereich und 30 bis 35 Prozent im PKW-Bereich.
Mit den entsprechenden Zuwächsen an Abgas- und Lärmemissionen. Doch
damit nicht genug: Auch ein Teil der Landschaft muss der zunehmenden
Verkehrslawine weichen - nicht nur in Österreich, sondern auch in
Deutschland als weiterem bedeutenden Transitland innerhalb der EU:
Also es kann nicht um eine Bekämpfung von Mobilität gehen, sondern
darum, eine sinnvolle Entwicklung zu ermöglichen. Also wir werden uns
auch weiter darauf einstellen müssen, dass wir Verkehrsinfrastruktur
bauen müssen. Wir müssen zugleich zur Kenntnis nehmen, dass ein
wesentlicher Schwerpunkt im Ausbau der Straßen liegen wird.
Neue Straßen braucht das Land, will es den ansteigenden Güterverkehr
bewältigen - daran führt auch für Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe
kein Weg vorbei. Dass das Ganze zu Lasten der Umwelt geht, wollen er
und die Experten, die derzeit in Stuttgart zusammengekommen sind, gar
nicht abstreiten. Doch an der Frage, wie denn trotz steigendem
Verkehrsaufkommen die Umweltschäden so gering wie möglich gehalten
werden können, beißen sich die Fachleute die Zähne aus. Immerhin, ein
paar Ideen dazu nehmen bereits konkrete Formen an: In Österreich
beispielsweise denkt Verkehrsminister Gorbach daran, die allgemeine
LKW-Maut auf Autobahnen zur Öko-Maut zu erweitern:
Das geht sehr einfach: Ich habe Kategorien, die schadstoffarme und
schadstoffreiche LKW unterscheidet. Der schadstoffarme LKW wird
billiger fahren und der schadstoffreiche LKW wird eine höhere Maut
bezahlen, so dass ich einen Anreiz schaffe, um nicht zu sagen einen
Druck entwickele, die LKW-Flotte umzustellen auf schadstoffarme LKW.
Das heißt: Ich kann von der Frequenz her mehr fahren, belaste die
Umwelt geringer. Das muss das Ziel sein.
Doch bei dem prognostizierten Anstieg des LKW-Verkehrs von 60
Prozent in den kommenden 12 Jahren lässt sich durch eine Öko-Maut ein
Anstieg der Schadstoffe beim besten Willen nicht verhindern. Dasselbe
gilt für eine noch stärkere Vernetzung einzelner Verkehrsträger wie
Schiene, Straße und Wasserstraße. Auch solche Vernetzungskonzepte
stoßen, wie in Stuttgart deutlich wurde, schnell an ihre praktischen
Grenzen. Deshalb möchte Andreas Troge, Präsident des Bundesumweltamtes
in Berlin, gänzlich neue Wege gehen. Seine Idee: Wenn schon
verkehrsbedingte Umweltbelastungen , dann müssen die Verursacher dafür
aber auch entsprechend tief in den Geldbeutel greifen:
Ich habe empfohlen, zur Dämpfung dieses Effektes, auf der
Nachfrageseite, auf der Entstehungsseite, neben den
Straßenverkehrs-Infrastrukturkosten auch sukzessive die Umweltkosten
dem Verkehr anzulasten, dem LKW, dem PKW, aber auch den übrigen
Verkehrsträgern.
Die Einbeziehung von Umweltkosten beispielsweise würden nach Troges
Berechnungen ganz grob zu einer Versechsfachung der derzeitigen
LKW-Mautsätze führen. Doch erst bei einer derart drastischen Steigerung
könne man einen umweltgerechten Abbau von Verkehrsleistungen erreichen.
Wohl wahr, nicken dazu auch viele Politiker beim Mobilitätskongress in
Stuttgart. Doch umsetzen wollen sie derart radikale Vorschläge dann
doch nicht. Verkehrsminister Stolpe:
Die Rechnung geht auf; das stimmt. Der Pferdefuß ist nur, dass das
die Unternehmen nicht verkraften würden. Das heißt, wir hätten dann die
Situation, dass es eine breite Verteuerung der Preise gibt, die
wiederum wachstumshemmend und unnötige Differenzierung schaffen würde.
Also schrittweise wird man sicher in diese Richtung gehen. Aber mit
einer solchen Rosskur machen wir, glaube ich, mehr kaputt, als wir
helfen.
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