Warum Apfelsaft aus Übersee mit geringerem Energieaufwand hergestellt werden kann.
(Deutschlandfunk, 11.11.03)
URL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/199421/
Von Andreas Schmitz
Da brutzelt das Lammsteak und duftet köstlich. Doch bis in die
Pfanne hat es schon einen weiten Weg hinter sich. Dabei ist die
Energie, die nötig ist, um dieses Steak zu produzieren und in den
Handel zu bringen, bei Lammfleisch aus Neuseeland möglicherweise
geringer, als bei Lammfleisch vom Bauern aus der Region. Das zumindest
behauptet Elmar Schlich, Professor für Haushaltstechnik an der
Universität Gießen. Seine Arbeitsgruppe begann 1996, den Energieaufwand
bei der Produktion von Lebensmitteln systematisch zu erforschen:
Und wir sind sehr schnell auf die Vermutung gestoßen, dass regionale
Lebensmittel sehr viel weniger Energie verbrauchen als globale. Und
dazu haben wir Literaturuntersuchungen gemacht, mal geguckt, was ist
eigentlich Stand der Wissenschaft und haben nirgendwo gefunden, dass
jemand mal wirklich Daten erhoben hat.
Die Gießener Forscher untersuchten zunächst die Herstellung von
Fruchtsäften. Sie errechneten den Energieaufwand für Saft, der aus
Äpfeln hessischer Streuobstwiesen gepresst und vor Ort verkauft wurde.
Zum Vergleich diente Apfelsaft, für den Konzentrat aus ganz Europa nach
Deutschland kam. Jeder Schritt von der Aufzucht der Bäume bis zur
verkauften Flasche wurde in die Kalkulation einbezogen. Der Vergleich
dieser Energiebilanzen brachte ein verblüffendes Ergebnis:
Ob der Saft nun aus der Region kommt und nur in der Region
vermarktet wird oder ob der Saft durch die Rohwaren aus dem ganzen
Kontinent zusammengemischt wird und dann deutschlandweit verkauft wird,
das spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Betriebsgröße. So haben
wir zum Beispiel einen Regionalbetrieb gefunden, der 2000 Tonnen
Apfelsaft pro Jahr erzeugt. Der ist konkurrenzfähig mit
Industriesäften.
Kleinere Betriebe verbrauchen aufgrund ihrer geringen Effizienz
umgerechnet bis zu einem halben Liter Benzin für die Herstellung und
Vermarktung von einem Liter Apfelsaft. Großbetriebe brauchen für die
gleiche Menge nur etwa ein Zehntel dieser Energie - unabhängig davon,
woher die Äpfel stammen.
Auch für Lammfleisch hat die Arbeitsgruppe
von Elmar Schlich errechnet, wie viel Energie nötig ist, bis ein
Kilogramm Fleisch in der Ladentheke liegt. Auch hier wurden alle
Schritte von der Aufzucht der Tiere bis zum Endverbraucher
eingerechnet:
Und da ergab sich dann wieder, zu unserer Überraschung, dass es
entscheidend von der Betriebsgröße abhängt und von der Auslastung der
Logistik, der Transportmittel, der Produktionsmittel, ob ich viel
Energie oder wenig Energie brauche.
Es stellte sich heraus, dass für Fleisch, das in großen Mengen
tiefgekühlt aus Neuseeland kommt, oft nur ein Drittel der Energie
aufgewendet wird, die ein regionaler Erzeuger verbraucht. Bei dieser
Rechnung gingen die Gießener Forscher allerdings davon aus, dass die
Lämmer in Deutschland den Winter im Stall verbringen. Bei ökologisch
erzeugtem Lammfleisch ist dies jedoch nicht der Fall. Zumindest für die
Bauernhöfe vom Ökoverband Bioland ist die Stallhaltung untersagt.
Heinz-Josef Tuneke vom Bioland Landesverband Nordrhein-Westfalen hält
sie überdies für unnötig, zumal die Tiere im Stall mit aufwändigem
Silagefutter versorgt werden müssen:
Das nahe liegendste ist, ich lass die Tiere draußen laufen auf der
Wiese. Die holen sich das selber. Ich muss die Weide einzäunen und dann
ist gut. Das ist mein einziger Aufwand, den ich dort treibe, vielleicht
noch ein Elektrozaun.
Darüber hinaus sieht der Bioland-Geschäftsführer die Energiebilanz
nicht als den einzigen Grund, warum sich ein Verbraucher für
Lebensmittel aus der Region entscheidet:
Wenn er natürlich jetzt in der Region einkauft, besteht die Chance,
tatsächlich noch an den Ursprung der Produkte hinzukommen. Und das ist
natürlich für uns insofern ein ganz wichtiger Aspekt, als die
Entfremdung von den Lebensmitteln ja mittlerweile sehr groß ist. Sie
kennen das berühmte Beispiel: die Kinder malen heute die Kühe lila.
Auch die Gießener Forscher sprechen sich keineswegs generell für
oder gegen regionale Produkte aus. Wer auf die Qualität von
Lebensmitteln und die Umwelt achtet, dem rät Elmar Schlich vor allem,
sich beim Einkaufen zu informieren und beim Energiesparen vor der
eigenen Haustür anzufangen:
Der Verbraucher kann also Fragen stellen und er kann darauf achten,
bei Genossenschaften zu kaufen. Und er kann bei sich selbst darauf
achten, dass er nicht weite Wege zurücklegt, um nur ein bestimmtes
Lebensmittel zu kaufen.
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