Buchhinweis:
Landschaft ohne Autobahnen
- Für eine zukunftsorientierte Verkehrsplanung -
Immer mehr Menschen, die sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder
machen, wehren sich gegen die „außer Rand und Band geratenen Ansprüche
des wachsenden Autoverkehrs“.
Die Politik und die „Hoheitsverwaltung“
setzen sich trotzdem mit „scheinbar maßloser Arroganz über elementare
Lebensbedürfnisse der betroffenen Bevölkerung hinweg, um ihre
Verkehrsgroßbauvorhaben durchzusetzen. Die ideologiebehaftete
Diskussion über Verkehrslösungen bietet kaum konstruktive und gangbare
Zukunftskonzepte an. Dies sind die Gründe, weshalb Hermann Knoflacher,
Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der
Technischen Universität Wien, dieses Buch geschrieben hat.
Die Ursachen für eine borniert-gläubige Verkehrsplanung findet Knoflacher in den überkommenen Ideologien von Politikern, Fachbeamten und Wirtschaftsvertretern.
Er erklärt damit deren erstaunliche Verständnislosigkeit gegenüber den
Systemwirkungen der Verkehrsplanung und auch gegenüber den Folgen für
Natur und Menschen. Er vergleicht die Autobahnplaner mit Schildbürgern,
die das Gesamtsystem nicht begreifen und auch bei ihren
Reparaturversuchen ihre Einäugigkeit beibehalten - wie die Bürger von
Schilda, die ein fehlerhaft gebautes, fensterlosen Rathauses erhellen
wollten durch das massive Hereintragen von Licht in Säcken. Diese
„Einäugigkeit“ der Verkehrspolitik prangert Knoflacher an, weil sie im
Gesamtspektrum möglicher Mobilitäts-Strategien immer nur den Bereich
der Auto-Mobilität sieht - und dann sogar noch deren Stau-Folgen durch
ein „Nochmehr“ an Straßen zu lösen sucht.
Die Verkehrsplaner,
so Knoflacher, leiten dabei ihre Vorhersagen über den zukünftigen
Verkehr ideologisch aus dieser ihrer einseitigen Sicht ab und
prognostizieren dementsprechend seit Jahrzehnten eine rasant steigende
Motorisierungs- und Verkehrsentwicklung. Und diese tritt dann auch
wirklich ein, weil eben dieselbe Einseitigkeit in der Verkehrspolitik
dafür sorgt, dass vor allem Autobahnen für Mobilität sorgen sollen. „Aus
dem Gesamtspektrum der Mobilität wurde und wird nur der Bereich der
Auto-Mobilität gesehen, der Rest wurde über Jahrzehnte nicht beachtet,
finanziell ausgehungert...“
Bei einer objektiven
Betrachtung aller Möglichkeiten der Verkehrspolitik und bei Kenntnis
der Systemwirkungen könne man dagegen feststellen, dass die
Motorisierung keineswegs unaufhörlich steigen müsse. Diese Ursachen für
diese negative Entwicklung schaffe vielmehr die Verkehrspolitik selber, nämlich durch...
- das Recht auf fast alle Privilegien im öffentlichen Raum,
- massive finanzielle Förderung,
- optimale Zuordnung des Kraftfahrzeuges zu allen Strukturen,
- ungehinderte Strukturveränderungen durch diese Verkehrsart,
- Tabuisierung aller Gegenmaßnahmen.
Diese Einäugigkeit wurde und wird ergänzt durch eine ähnlich simple Logik der Raumordnung: „...man
müsse strukturschwache Räume mit strukturstarken Räumen verbinden, dann
würden sich die strukturschwachen schon entwickeln...“ Die absehbaren
Folgen: „Unsinnige Logik produziert sinnlosen Verkehr. Leider sind die
Wirkungen dieser Maßnahmen nicht so harmlos. In der Realität entsteht
eine weitere ´Arbeitsteilung´ in dem Sinn, dass die relativ günstigeren
Standorte durch diese Art der Verbindungen aufgewertet und die anderen
abgewertet und in letzter Konsequenz auch zerstört werden... Daraus
entstehen dann erzwungene neue Verkehrsbedürfnisse.“
Knoflacher schlussfolgert: „Viele
Verkehrs- und Landespolitiker übersehen häufig, dass ein Verkehrsweg
immer zwei Enden hat und dass am anderen Ende selten ein Wohltäter
sitzt... Schon beim Einzelhandel hat sich gezeigt, dass die
besseren Straßenverbindungen nicht für ihn, sondern für den Supermarkt
günstig waren... In der sogenannten Europa-Politik wird damit geworben,
dass auch dem kleinsten Betrieb der Zugang zu einem Markt von 340
Millionen Einwohnern geschaffen würde – als ob dieser Markt nicht
längst vorhanden wäre. Dass auf diesem Markt aber eine Vielzahl
wesentlich stärkerer Konkurrenten nur darauf wartet, noch die letzten
Reste an Kaufkraft rücksichtslos auf Kosten der kleineren Strukturen
für sich auszubeuten, wird nicht erwähnt.“
Die Folgen: „Die
von der Raumordnung geforderte Vielfalt weicht dann in kurzer Zeit der
bereits im Verkehrssystem von heute vorhandenen Einfalt und
Uniformität. Die Vielfalt der Arbeitsplätze, des Warenangebotes,
der Kultur, der Landschaft – gerade jene Dinge, die die Raumordnung
vorgibt fördern zu wollen, gehen verloren.“ Knoflacher illustriert
diese Entwicklungen mit vielen beeindruckenden und erschreckenden
Bild-Dokumenten. Allein schon diese Bilder sind ein Plädoyer für
regionale Entwicklung, die die eigenen Stärken erkennt und nutzt und
nach diesen Anforderungen ein angepasstes, vernünftiges Verkehrssystem
gestaltet.
Vor diesem Hintergrund kritisiert Knoflacher die vorgelegten „Kosten-Nutzen-Analysen,
die den Bau der schnellen und teuren Verkehrssysteme rechtfertigen
sollen: Während die behaupteten Wirtschaftseffekte durch
Zentralisierung und Rationalisierung überschätzt würden, bewerte man
viele schädliche Folgewirkungen kaum oder gar nicht: die Entwertung der
Landschaft durch Lärm, Abgase und Flächenverbrauch, der Verlust an
Vielfalt, Kultur, Kleinstrukturen, Unabhängigkeit, Lebensfreude,
Zukunftshoffnung und Lebensqualität.
Deshalb würden beim
Begriff „Wirtschaft“ wesentliche Bereich einfach ausgeklammert:
politisch benachteiligte Bereiche der Wirtschaft, die aber ökologisch
verträglicher und menschengerechter seien, wie der Kleinhandel, das
Gewerbe, die Nahversorger und die Bauern (im Gegensatz zur
Agrarindustrie) – die wesentlich krisensicherer seien. Man setze aber
einseitig auf die Großstrukturen, die die hohen Geschwindigkeiten
bräuchten für die „Erweiterung ihres Jagdgebiets“ - lediglich zum
flüchtigen und fraglichen Vorteil der Aktionäre und der Aktienkurse.
Die
einseitige Kosten-Nutzen-Analyse führt laut Knoflacher zu falschen
Signalen, zu verzerrten gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen
Kostenrechnungen und somit zu einer ineffizienten Struktur von
Verkehrs-, Produktions- und Verteilungssystemen, mit immensen
Folgekosten und Folgeverkehren. Die wirklichen Kosten und
Folgekosten des Verkehrs und der verschiedenen Verkehrswege (und somit
der Verteilung der Güter!) gingen nicht in die Kostenrechnung und in
die Preise ein. Wenn der Güterverkehr auf der Straße zu etwa 80 %
subventioniert werde, dann brauche man sich auch nicht zu wundern, wenn
die Schiene gegenüber der Straße an Transportanteilen verliert. Der
Transport von Massengütern werde so billig gemacht, dass es keine Rolle
spiele, wo man produziert und wie man verteilt. „Die Konsequenz ist,
dass wir mit atemberaubender Geschwindigkeit den Ast, auf dem wir
sitzen, also unsere Lebensgrundlagen, mit allen zur Verfügung
stehenden, technischen Möglichkeiten absägen.“
Der
subventionierte und damit billige Lagerraum in den LKW habe z.B. zur
„Einfältigkeit in der Lagerhaltung und zum Abschieben der Kosten auf
die Allgemeinheit“ geführt: „In den teuren Geräten des
Verkehrssystems ist der Lagerraum billiger als am Ort. Es ist billiger,
Halbfertigprodukte durch die Staaten zu transportieren, als durch
sorgfältige und sinnvolle Standortwahl hohe Fertigungstiefen zu
erreichen.“
Knoflacher fragt nach, warum denn die Kosten
im Straßenverkehr so niedrig gehalten werden, wer denn ein Interesse an
billigen Transporten habe: Er findet die Antwort in einem
Wirtschaftssystem, das gekennzeichnet ist durch eine wachsende
Zentralisation und Produktion in immer größeren Einheiten, durch
zunehmende Arbeitsteilung und den wachsenden Transport von
Halbfertigprodukten und durch eine strukturell bedingte, wachsende
Arbeitslosigkeit.
Knoflacher fasst seine Kritik an der herrschenden Verkehrsökonomie zusammen: „Der
Transportkostenanteil ist ein wichtiger Regulierungsfaktor zwischen
Ökonomie und Ökologie und wird in Zukunft immer mehr an Bedeutung
gewinnen.“ Er fordert die Berücksichtigung der echten, wirklichen
Transportkosten vom Entstehen bis zum Vergehen der Produkte. Das werde
positiv zu einer drastischen Reduktion von Verkehr und
Verkehrsgeschwindigkeits-Notwendigkeiten führen.
“Das
heutige Güterverkehrssystem verhindert die Vielfalt der Angebote und
ersetzt diese durch die Einfalt der Massenproduktionen.“ Dadurch werde
die Nutzung der Innovationspotentiale verhindert, weil die
Herausforderungen und auch der Markt für qualitativen Fortschritt
fehlen. Das bestehende System zerstöre die Regionalisierung, die
Zurechnung der echten Transportkosten dagegen fördere bzw. erzwinge
sie. Das bestehende System sei „innovationshemmend, unflexibel und zu
uneinsichtig und gewalttätig, um seine fundamentalen Fehler zu
erkennen“, es entspreche nicht den Regeln der Marktwirtschaft. „Das so
betriebene Wirtschafts- und Verkehrssystem muss zu unlösbaren Problemen
in der Landwirtschaft und zu nicht lösbarer struktureller
Arbeitslosigkeit führen.“
Umgekehrt erweisen sich
Transportkosten, wenn sie systemgerecht eingesetzt und eingerechnet
werden, als „entscheidender Faktor für Innovation, für Kooperation, für
Selbstregulation und damit für die ökologische Verträglichkeit des
Wirtschaftssystems. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum sich
immer mächtigere Gruppen zusammenschließen, um zu verhindern, dass die
echten Preise unter Zurechnung des Verursacherprinzips eingeführt
werden und mit allen Mitteln der Verzögerungstaktik, der Täuschung
und der Gewalt versucht wird, die Transportkosten künstlich niedrig zu
halten.“
Knoflacher plädiert dafür, dass sich auch das
Verkehrswesen endlich an Kosten und Preisen orientiert, dass dem
motorisierten Straßenverkehr alle von ihm verursachten Kosten endlich
angelastet werden: „Nur Ideologen lehnen wissenschaftliche
Erkenntnisse ab. Für viele scheint das Verkehrssystem offensichtlich
ein Rückzugsgebiet für verlorengegangene Religion und Ideologie zu
sein, wo sie ihren Mangel an Ideen und ihre Scheinreligion glauben
ausleben zu können. Es scheint bei vielen Politikern so, als ob man
ihnen ihr Spielzeug wegnehme.“
Knoflacher hofft dennoch, dass es noch so weit kommt, dass sich „die Politiker tatsächlich auf die wichtigen politischen Aufgaben zurückziehen“ müssen,
anstatt periodisch „Schlachtefeste“ wie die Eröffnung von Autobahnen zu
feiern. Er fordert Verantwortungsbewusstsein und Weitblick in der
Politik und die Lernfähigkeit der Fachleute beim Denken außerhalb der
„dressierten Denkbahnen“.
Knoflachers Fazit: „Die Zukunft
liegt dort, wo sie schon immer lag – in höherer geistiger Mobilität,
daraus resultierender Weitsicht und einem Verantwortungsbewusstsein,
das räumlich und zeitlich weiter reicht als die Sicht über die
Motorhaube.“
Eckehard Niemann
Hermann
Knoflacher, Landschaft ohne Autobahnen, Für eine zukunftsorientierte
Verkehrsplanung, 1997, 238 Seiten, 26,90 Euro (direkt zu beziehen beim
Verlag: Böhlau Verlag, Ursulaplatz 1, 50668 Köln, Tel. 0221-91390-0,
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