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Der Bau der A 39 wird häufig mit der Entlastung der B 4 begründet. Dazu vertritt die Aktion Lebensberg folgende Auffassung.
- ein Standpunktpapier -
Quelle: Aktion Lebensberg (www.lebensberg.de)
Stand der Dinge Die B 4 ist heute die am
meisten befahrene regionale Straßenverbindung im Raum Lüneburg-Uelzen.
Das Verkehrsaufkommen in den Ortschaften entlang der B4 ist für die
Anwohner unzumutbar geworden. Durch Melbeck allein quälen sich
heutzutage bis zu 20.000 Kfz pro Tag. Im Jahr 2015 wird diese Zahl auf
geschätzte 25.000 ansteigen. Das sind Größenordnungen, mit denen diese
Orte nicht mehr klarkommen können. Es muss also dringend etwas
passieren.
Aus diesem Grund wurden im Entwurf für den Bundesverkehrswegeplan
(BVWP) 2003 etliche Ortsumgehungen entlang der B 4 mit besonders hoher
Dringlichkeit vorgesehen. Teilweise waren sie mit einem
Nutzen-Kosten-Faktor von über sieben (Melbeck = 7,5 / Kirchweyhe = 7,6)
ausgewiesen. Mit der Aufnahme der A 39 in den BVWP
(Nutzen-Kosten-Faktor 3,4) wurden diese Maßnahmen ersatzlos gestrichen.
Die offizielle Begründung: durch die A 39 würden die Ortsumgehungen
überflüssig. Doch ist das tatsächlich der Fall?
Die Verkehrsmengenkarte (Nieders. Landesamt für Straßenbau Hannover)
sowie diverse Verkehrserhebungen belegen, dass die hohe Verkehrsdichte
im Bereich Melbeck und Kirchweyhe vor allem örtlichen Ursprungs ist.
D.h. der Verkehr entsteht überwiegend aus dem Warenwirtschafts- und
Dienstleistungsverkehr zwischen den örtlichen Gemeinden und den Städten
Lüneburg und Uelzen sowie aus einem (damit verbundenen) nicht
unerheblichen Berufsverkehr.
Eine Autobahn als vordergründige Lösung Eine
auf der Ostseite des Elbe-Seitenkanals liegende A 39 würde (gemäß dem
Untersuchungskorridor) bis zu 15 km von diesem entfernt verlaufen und
somit einen Abstand von bis zu 20 km zur heutigen B 4 haben. Aufgrund
dieser Entfernung und des massiv trennenden Charakters des
Elbe-Seiten-Kanals ist gründlicher Zweifel angebracht, ob ein östlicher
Autobahnverlauf grundlegende Veränderungen für die betroffenen
Gemeinden entlang der B 4 herbeiführen kann.
Unter der großzügigen Annahme, dass sich 30 % des B 4-Verkehrs auf
eine östliche verlaufende A 39 verlagern ließen, ergäbe das für das
Verkehrsaufkommen auf der B 4 bei Melbeck im Jahr 2015 immer noch eine
Größenordnung von 17.500 Fahrzeugen. Spätestens im Jahr 2020 wäre der
heutige Stand wieder erreicht. Von einer Entlastung Melbecks kann also
in keinster Weise gesprochen werden, höchstens von einer eingedämmten
Mehrbelastung gegenüber dem heutigen Status Quo.
Um zu einer wirklichen verkehrlichen Entlastung in Melbeck zu
kommen, braucht es also eine leistungsstarke ortsnahe Verbindung
(westlich des Kanals). Diese muss geprägt sein durch kreuzungsfreie
Trassierung ohne Ortsdurchfahrten. Unabhängig vom konkreten
Trassenverlauf wäre eine Realisierung dieser Forderung durch eine
Autobahn aber ebenfalls mit immensen Nachteilen für die Region
verbunden.
Wenn die A 39 überhaupt eine Entlastungsfunktion für die heutige B 4
bringen soll, sollten mindestens 50 % des Verkehrs von der B 4 auf die
A 39 verlagert werden können. Bei 25.000 Fahrzeugen wären das also ca.
12.500 Kfz/Tag regional-bedingter Verkehr.
Die Hauptfunktion der A 39 liegt aber darin, den überregionalen und
internationalen Verkehr aufzunehmen. In dieser Funktion soll sie die
parallel verlaufende A 7 entlasten. Damit ein Entlastungseffekt
überhaupt wirksam sein kann, muss ein nennenswerter Teil des zu
erwartenden Verkehrs auf der A 7 eine attraktive Alternative erhalten.
Aktion Lebensberg rechnet damit, dass ca. 20 % des Verkehrs auf der A 7
potentiell auf die A 39 verlagert werden könnten. Das entspräche bis zu
30.000 Fahrzeugen am Tag.
Eine Autobahn zieht als Randeffekt auch neuen Verkehr an. Dieser
entsteht durch die Schaffung neuer Möglichkeiten durch höhere
Mobilität. Das Bundesverkehrsministerium spricht hier von sog.
„induziertem Verkehr“. Zusammen mit dem B 4-Entlastungseffekt und dem A
7-Entlastungseffekt ist also mittelfristig ein Verkehrsaufkommen von
45.000, langfristig sogar von 60.000 Fahrzeugen am Tag auf diesem
Streckenabschnitt zu rechnen 1.
1 Die heutigen Planungen (BVWP 2003) sehen dagegen gerade einmal
ein Drittel dieser Zahl vor (16.000Kfz/Tag). Diese Diskrepanz ist
bislang ungeklärt. Wenn die offiziellen Zahlen Gültigkeit besäßen, wäre
der Sinn dieser Autobahn ohnehin massiv in Frage gestellt. Offenbar
dient diese niedrige Zahl dazu, eine größere politische Akzeptanz und
gleichzeitig eine günstigere ökologische Beurteilung zu erhalten.
Die negativen Folgen für Mensch und Umwelt müssen von der Region,
insbesondere aber von den anliegenden Gemeinden und deren Einwohnern
unabhängig des konkreten Trassenverlaufs getragen werden.
Bei soviel Verkehrsaufkommen, das zusätzlich in die Region
hineingeholt wird, müssen auch Ausfallszenarien beschrieben werden. Was
ist, wenn die Autobahn aufgrund eines Unfalls gesperrt ist? Angefangen
mit Lüneburg, wo der gesamte Verkehr durchs Stadtgebiet geleitet werden
muss, kommt weiter südlich nur die dann als Kreis- oder Landstraße
ausgewiesene heutige B 4 als Ausweichstrecke in Frage und führe zu
einem sofortigen Verkehrsinfarkt.
Eine Folge der mangelnden Entlastung und der erheblichen
Mehrbelastung durch eine Autobahn wird der Ruf nach Umgehungsstraßen
sein. Doch durch die immensen Kosten, die eine Autobahn verursacht und
die damit verbundenen politischen Weichenstellungen ist auf absehbare
Zeit kein Verkehrsprojekt in der Region mehr durchzusetzen. Bei eine
Abstufung der heutigen B 4 auf Kreisstraßenniveau würden Planung,
Umsetzung und Finanzierung beim Landkreis angesiedelt sein, der derlei
Bauprojekte allein aus finanziellen Gründen nicht wird durchführen
können.
Desweiteren zeichnet sich eine Autobahn durch eine gegenüber
Bundesstraßen verringerte Zahl an Auffahrten aus. Für eine Region mit
vielen Siedlungen (wie entlang der B 4) bedeutet das eine nicht
optimale Anbindung an das Fernstraßennetz und zusätzliches
Verkehrsaufkommen zwischen den Anschlussstellen.
Somit besteht die akute Gefahr, dass die A 39 nicht nur die
versprochenen Vorteile nicht bringt, sondern sich sogar als schädlich
für die Region erweist.
Die Alternative: Bundesstraße Eine zu bauende A
39 würde parallel zu den Bundesautobahnen A 7 und A 14 verlaufen. Der
gewünschte Zeitvorteil beim Befahren der A 39 ist nur dann gegeben,
wenn ein Fernfahrer, der aus Hamburg kommt, als Ziel den Raum bei
Wolfsburg hat. Führt seine Route Richtung Hannover oder Magdeburg, sind
die beiden Alternativen annähernd gleichwertige Verbindungen. Der
überregionale Transitverkehr könnte faktisch auf die A 39 verzichten,
ohne wesentliche Kostennachteile davonzutragen. Durch die
Zusammenfassung von A 14 und A 39 zu einem Verkehrsprojekt werden diese
Umstände wissentlich und aus politischen Gründen verschwiegen.
Die Aktion Lebensberg geht davon aus, dass der Fernverkehr nur durch
den Verzicht auf den Autobahnstatus aus der Region ferngehalten wird.
Eine Fernstraßenverbindung auf Bundesstraßenniveau würde schon durch
die etwas niedrigere Durchschnittsgeschwindigkeit (60 km/h statt 80
km/h bei Lastkraftwagen) die verbleibenden Vorteile für den
Transitverkehr gegenüber den Alternativen A 7 und A 14 aufzehren. Die
Strecke würde unattraktiv für den Transitverkehr werden. Fällt aber der
Transitverkehr in erheblichem Umfang weg, profitiert die Region von den
gegenüber der Autobahn geringeren Lärm- und Emmissionsbelastungen.
Gleichzeitig bliebe eine gut ausgebaute B 4 im Bundesstraßenstatus
attraktiv genug für die regionale Wirtschaft und den regionalen
Personenverkehr. Sie stellt eine erhebliche Verbesserung gegenüber
heute dar und würde die Erreichbarkeit innerhalb der Region annähernd
gleichwertig verbessern. Zu diesem Schluss kommt auch die
Verkehrsuntersuchung Nord-Ost, die in ihrem Ergebnis den Bau der A 14
als Autobahn und den Ausbau der Bundesstraße B 4 hat.
Eine vierspurige B 4 mit Ortsumgehungen würde die Grundlage für eine
nachhaltige Infrastruktur für die Region eröffnen, das nachrangige
Straßennetz könnte ebenfalls von dieser Verbindung profitieren.
Durch die Ortsentlastungen kann der Verkehr in Melbeck und den
anderen Ortschaften gleichzeitig entscheidend bis auf ein Minimum
gesenkt werden. Eine streckenweise Nutzung der heutigen B 4 besitzt
gleichzeitig das Potenzial, die Baukosten gering zu halten und einer
weiteren großflächigen Versiegelung des Bodens entgegenzuwirken.
Zuguterletzt muss auf das Risikopotential eines Autobahnbaus
eingegangen werden. Die aktuellen Planungen sehen einen Baubeginn im
Jahr 2015 vor. Dieser Termin ist aber nur theoretischer Natur. Bei der
derzeitigen finanziellen Situation und im Hinblick auf die weiteren
Planungsunsicherheiten bei einem Bauprojekt dieser Größenordnung ist
ein Abschluss der Bauarbeiten und Freigabe zwischen 2020 und 2030
realistischer, das Kippen des Projekts ist bis zum Schluss nicht
ausgeschlossen. Dieses bedeutet aber noch bis zu 30 Jahre
Verkehrsinfarkt in Melbeck und anderswo. Eine solche immense
Verkehrsbelastung mit den ihr eigenen negativen Konsequenzen gefährdet
akut das Überleben der Gemeinden entlang der B 4. Hier bietet der
lokale Ansatz einer Ortsumgehung bedingt durch kürzere
Entscheidungswege und höhere Flexibilität erhebliches Potential
gegenüber der globalen Strategie, der eine Autobahnplanung folgen muss.
Das Resultat wäre eine „schnelle Lösung“ für u.a. Melbecks
Verkehrsprobleme.
Fazit Insgesamt steht die Bundesstraßenlösung
auf Basis der B 4 im Vergleich zur A 39 rundum positiv da. Sie stellt
einen pragmatischen Ansatz zur Lösung der örtlichen Verkehrsprobleme
dar, ohne dass das nationale und internationale Fernstraßennetz
beeinträchtigt würden. Dagegen ist die in Planung befindliche A 39
nicht in der Lage, diese Verkehrsprobleme in ihrer Gesamtheit wirksam
zu beseitigen und ist gleichzeitig mit etlichen Mängeln und
Unsicherheiten behaftet.
Insbesondere können der Bau der Transitautobahn A 39 und die
Ortsumgehung Melbeck argumentatorisch nicht miteinander verbunden
werden, wenn es Brennpunkt Melbeck 6/7 Aktion Lebensberg um die
Rechtfertigung der Autobahn geht. Gerade weil die A 39 die örtlichen
Probleme nicht zu lösen vermag, muss die Entlastung der
Ortsdurchfahrten dringend wieder zurück auf die polititische
Tagesordnung.
Für die Region Lüneburg-Uelzen ergibt sich die Schlussfolgerung, auf
den Bau der A 39 zu verzichten und stattdessen die regionale
Infrastruktur zu einem leistungsstarken und flexiblen Verkehrsnetz im
Dienst der Region auszubauen.
Lüneburg, 16. März 2004 |