„... keine zusätzlichen Arbeitsplätze“
Interview mit Dr. Matthias Gather, Dekan des Fachbereiches Verkehrs- und
Transportwesen und Professor für das Fachgebiet Verkehrspolitik und
Raumplanung an der Fachhochschule Erfurt
1. Sie haben Zusammenhänge zwischen dem Bau von Autobahnen und der
Schaffung von Arbeitsplätzen bzw. der regionalen wirtschaftlichen
Entwicklung untersucht. Könnten Sie die Ergebnisse in drei Sätzen
zusammenfassen?
In den alten Bundesländern herrscht unter den Raumplanern schon
seit einigen Jahren Einigkeit, dass die regionalwirtschaftlichen Effekte
von weiteren Autobahnen kaum nachweisbar sind. Insbesondere in
strukturschwachen Räumen entstehen mit dem Bau von Autobahnen keine
zusätzlichen Arbeitsplätze. Aus meinen aktuellen Studien, aber auch aus
denen vieler Kollegen, lassen sich diesbezüglich keine Zusammenhänge
ableiten. In strukturschwachen Räumen, so haben die Analysen gezeigt,
wirken sich Autobahnen tendenziell positiv auf die
Produktivitätsentwicklung aus. Zusätzliche Arbeitsplätze entstehen jedoch
nicht.
2. Welche Faktoren haben sich im Rahmen Ihrer Untersuchung als für
die regionale Entwicklung entscheidend herauskristallisiert?
Der Autobahnbau allein bewirkt kein dauerhaftes Wachstum in der Fläche,
sondern vor allem Umstrukturierungen in den betroffenen Regionen. Für die
Ansiedlung von Unternehmen ist die Nähe zu den Agglomerationskernen
entscheidend. Wachstumsbranchen wie die Automobilindustrie,
Kommunikation, Online-Handel oder neue Dienstleister ziehen nicht
irgendwo auf die grüne Wiese am Betonband, sondern in die Nähe der
Absatzzentren. Darüber hinaus locken vor der Infrastrukturausstattung vor
allem andere Faktoren wie etwa das Arbeitskräfte- und Bildungspotential,
Lohnniveau oder Förderquoten. Die Entscheidungen von Porsche und BMW für
Leipzig sind klassische Beispiele dafür.
3. Welche Perspektiven ergeben sich für die regionale Wirtschaft in
einem ländlichen Raum durch den Bau von Autobahnen?
In erster Linie kommt es zu einer stärkeren Differenzierung in
den Regionen. Heimische Unternehmen ziehen, wenn sie darin einen Vorteil
erkennen, aus dem Hinterland an die Autobahn. Ein Netto-Überschuss an
Investitionen ist für größere Gebiet um die Fernstraßen aber nicht
nachweisbar. Von Ausnahmen abgesehen, ergibt sich auch bei der
Beschäftigung ein Nullsummenspiel: Statt Zuzügen von Unternehmen
dominieren Umzüge.
Es ist eine Chimäre zu glauben, mit dem Bau der Autobahn siedeln sich
externe Unternehmen an. In den autobahnerschlossenen Regionen werden die
Unternehmen und Beschäftigten stattdessen einem verstärkten Wettbewerb
ausgesetzt, von dem starke Unternehmen profitieren können, schwache aber
in ihrer Existenz bedroht werden.
Wachstum muss aus der Region kommen, nicht in die Region.
4. Sie verweisen auf Studien der vergangenen zwei Jahrzehnte, die
Ihre Ergebnisse mehrheitlich stützen. Worauf gründen die politischen
Entscheidungen für einen weiteren Ausbau des Autobahnnetzes in
Deutschland?
Da werden einige hundert Millionen Euro investiert, mit sehr
hohen kurzfristigen Effekten für die örtliche Bauindustrie. Diese Wirkung
ist unbestritten.
Hinsichtlich der Langfrist-Effekte geht es aber auch um einen
Placebo-Effekt. Die IHK´s fordern: ´Tut was für uns´. Und die Politik
weiß keinen anderen Rat, als in die Straßeninfrastruktur zu investieren,
um wirtschaftliche Probleme in den Regionen zu lösen. Irgendwann ist die
Autobahn fertig, doch die meisten Strukturprobleme hat man dadurch nicht
behoben. Die Politiker brauchen sich aber zumindest nicht mehr vorwerfen
zu lassen, untätig gewesen zu sein.
Herr Dr. Gather, herzlichen Dank für dieses Gespräch!
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