Doch Bardowicker Gemüse ist Vergangenheit, Landwirtschaft eine ohnehin kränkelnde Branche. Von dem 50 Hektar großen Gewerbegebiet in der Wittorfer Heide verspricht sich die Samtgemeinde Bardowick neue Gewerbesteuerzahler und zusätzliche Arbeitsplätze. Das Gewerbegebiet, das, weil es freundlicher klingt, Gewerbepark heißt, liegt verkehrsgünstig zwischen der Bundesstraße 404 und der Autobahn 250. Ein Betrieb hat sich bereits angesiedelt. Die Samtgemeinde Bardowick tut das, worauf viele Kommunen ihre Hoffnungen setzen: Gewerbeflächen ausweisen, in der Hoffnung, dass Unternehmen kommen. Ohne Gewerbeflächen keine Neubürger, keine Steuereinnahmen, keine Arbeitsplätze.Riesige Gewerbeflächen bietet die Stadt Winsen an der A 250, Lüneburg plant auf 100 Hektar zwischen B 216 und Kanal den Bilmer Berg III. Die Stadt will von der boomenden Logistikbranche profitieren. Die Kehrseite ist der große Flächenfraß: Jeden Tag fallen in Deutschland 100 Hektar Land nicht nur Gewerbegebieten, sondern auch Neubausiedlungen und Straßen zum Opfer. Der Bauer hat ein gutes Geschäft gemacht, denkt sich mancher. Der Landkreis Lüneburg ist Zuzugsregion, innerhalb von zehn Jahren wuchs die Siedlungs- und Verkehrsfläche um 10,6 Prozent. Das geht aus bislang unveröffentlichten Zahlen des Landesamts für Statistik hervor. 1.380 Hektar meist landwirtschaftlicher Fläche – das entspricht fast 20 Fußballfeldern pro Jahr – verschwanden unter Wohnsiedlungen, Gewerbegebieten und Straßen. Der Flächenfraß ist die Kehrseite der positiven Entwicklung im Umfeld der boomenden Hafenstadt Hamburg. Schneise auf einem Gemüsefeld bei Bardowick: Wo bislang Nahrungsmittel erzeugt wurden, sollen sich Gewerbebetriebe ansiedeln. Noch mehr Land fressen Baugebiete Foto: stk Gewerbegebiete verschlangen 12,3 Prozent mehr Land. Hauptverursacher sind jedoch die Neubausiedlungen. Die Wohnbebauung, vor allem durch Eigenheime, wuchs um satte 26,5 Prozent. Viele Neubürger, besonders aus dem Großraum Hamburg, ziehen hinaus aufs Land, wo die Baulandpreise niedriger sind. Gleichzeitig wachsen die Ansprüche: Reichten 1964 durchschnittlich 14 Quadratmeter pro Person, sind es heute über 41. Mehr Siedlungsfläche, mehr Verkehr: Straßen und Plätze wuchsen um fünf Prozent. Na und? Ein paar Felder weniger, ein paar schmucke Häuschen mehr – der große Landhunger wird häufig gar nicht als Problem wahrgenommen. Doch die Folgen sind gravierend. Die Zersiedlung ist eine der Hauptursachen für das Aussterben von Arten, denn die Lebensräume für Pflanzen und Tiere schrumpfen nicht nur, sie werden immer weiter zerschnitten. Zubetonierte und -gepflasterte Flächen gefährden die Grundwasserneubildung. Der Mensch verliert Erholungsgebiete. Und ein gutes Geschäft ist der Landverkauf auch nicht immer, meint Steffen Maack, Vorsitzender des Gemüsebauvereins Bardowick. Nicht nur, dass Gewerbeland schlecht bezahlt werde, den Bauern fehlten die Anbauflächen: „Andere landwirtschaftliche Flächen sind schwer zu bekommen.“ Selbst der Bauernverband hat im Mai ein „Ende des Zubetonierens“ gefordert. Der Rat für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung hat schon 2004 empfohlen, den Flächenverbrauch in Deutschland von 114 Hektar pro Tag auf täglich 30 Hektar im Jahr 2020 zu senken. Auch der Landkreis will dem sorgsameren Umgang mit dem Boden in der Änderung des Raumordnungsprogramms größere Aufmerksamkeit schenken. Doch die Umsetzung ist schwierig, denn Bürgermeister und Räte versprechen sich bei der Neuausweisung von Flächen Steuerzahler und Arbeitsplätze. Der Naturschutzbund (NABU) macht eine andere Rechnung auf: Gerade neue Baugebiete seien ein Zuschussgeschäft für die Allgemeinheit. 20 bis 40 Prozent der Erschließungskosten blieben langfristig beim Steuerzahler hängen, denn Siedlungen in der Fläche erforderten längere Versorgungsleitungen und Straßen. Der NABU fordert deshalb, verstärkt Lücken in der Bebauung zu nutzen. Lüneburg praktiziert das schon: Loewe- und Ilmenau-Center entstanden auf Industriebrachen, in die Schlieffen-Kaserne zogen Behörden, auf dem 48 Hektar großen Gelände ist ein neuer Stadtteil geplant. Auch auf dem nicht mehr genutzten Güterbahnhof in Innenstadtnähe soll neues Leben einziehen. |