Quelle: Der Prignitzer (24.12.2004)
Bewohner der Bahnsiedlung Nebelin fordern schnelle Aussage zur Linie der A 14
Nebelin • Wenn die Bewohner der Bahnsiedlung Nebelin das Weihnachtsfest
2004 feiern, ist es anders als in den vergangenen Jahren. Allen ist
bewusst, die A 14 bringt für sie einen tiefen Einschnitt in ihr
bisheriges Leben.
"Es ist so, als ob man lange in Arbeit gestanden hat und erhält jetzt
die Kündigung", beschreibt Werner Grober das Gefühl, das wohl alle 23
Bewohner der Bahnsiedlung bewegt. Denn mit dem Abschluss des
Raumordnungsverfahrens vor wenigen Tagen steht fest – die A 14 könnte
unmittelbar an ihrer Haustür vorbeiführen. Die Ortsgrenze Nebelin und
die Bahnsiedlung trennen knapp 1000 Meter. Wo hier genau die Autobahn
entlang führen wird, das legt das Linienbestimmungsverfahren im
nächsten Jahr fest. Wann ein Ergebnis vorliegt, konnte der "Prignitzer"
gestern beim Autobahnamt nicht erfahren, da die zuständige Dezernentin
derzeit Urlaub hat.
"Wichtig für uns ist, so schnell wie möglich eine klare Aussage zu
haben, damit wir wissen, woran wir sind und dass man mit uns spricht",
betonen Werner und Margrit Grober, Siegfried Pump, Ursula Hoffmann und
Gunhard Hinze, die sich gestern zu einem Gespräch mit dem "Prignitzer"
zusammengefunden hatten. Auch sie verfolgten mit großem Interesse, aber
ebenso mit Sorge die Aussage von Staatssekretär Reinhold Dellmann, der
für die Bereiche Dergenthin und Nebelin Umsiedlungen aufgrund des
Verkehrslärms für denkbar hält.
"Eigentlich will hier keiner weg", unterstreicht Werner Grober, dessen
Familie in dritter Generation hier lebt. 1923/24 war die Siedlung an
der Bahn, wie sie eigentlich richtig heißen müsste, gegründet worden.
"Wir haben unser Leben lang hier investiert. Wenn wir weg müssten,
werden wir nie das Geld rauskriegen, was Haus und Hof wert sind. Dazu
kommt, dass alle Land haben", erklären Werner und Margrit Grober. Auch
ihr Sohn, der zwar auswärts arbeitet, aber hier wohnt, möchte die
Bahnsiedlung nicht verlassen.
Sorgenfalten ebenfalls im Gesicht von Gunhard Hinze. Er zog vor 23
Jahren in die Bahnsiedlung, ist Landwirt im Nebenerwerb, baute eine
neue Halle, kaufte Flächen dazu, betreibt Mutterkuhhaltung und nutzt
ringsherum Wiesen. Die Autobahn würde seine zweite Existenz
zerschneiden. Was alle bewegt: "Die Ungewissheit macht uns zu schaffen.
Man grübelt und grübelt – lohnt es sich noch, etwas am Grundstück zu
machen oder nicht?" Ursula Hoffmann, die vor fünf Jahren hierher zog,
ein Haus kaufte, wollte sich damit ein Polster schaffen und sich auf
den Lebensabend einrichten. "Mit der Autobahn sind doch unsere
Grundstücke gleich Null wert."
"Wir wollen nicht hinter einer 20 Meter hohen Mauer leben", meint
Siegfried Pump, der ebenfalls in der Bahnsiedlung geboren wurde und am
dichtesten an der Bahnstrecke wohnt. Mit der Bahn lebt man hier schon
immer, an das Geräusch hat man sich gewöhnt. Die Züge rauschen vorbei
und dann ist wieder Ruhe – den Autobahnlärm hat man immer, Tag und
Nacht. Wenn die Autobahn so dicht an den Grundstücken vorbei führt,
dass das Leben nicht mehr lebenswert ist, dann würde er wegziehen,
vorausgesetzt, die Entschädigung entspricht dem wirklichen Wert des
Eigentums, so Gunhard Hinze. Aber auch er ist wie Werner Grober,
Siegfried Pump und die anderen der Meinung: "Wir möchten hier nicht
weg!"
Manfred Drössler |