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Stadland guckt beim Tunnel in die Röhre |
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Quelle: Weser Kurier (21.01.04)
Ein Jahr nach Freigabe der Weserquerung zieht die Gemeinde eine negative Bilanz
Von unserem Redakteur Jürgen Hinrichs
RODENKIRCHEN. Ein Jahr ist es her, seit mit großem Pomp der Wesertunnel
zwischen Kleinensiel und Dedesdorf eröffnet wurde. Eine
Jahrhundertchance für die Region, jubelten die Politiker damals. Mit
dem Tunnel sollte in dem strukturschwachen Gebiet endlich der
wirtschaftliche Aufschwung kommen. Doch passiert ist seitdem so gut wie
nichts. Vom zusätzlichen Verkehr bleibt nur Lärm und Gestank.
Bis zu 12 000 Fahrzeuge passieren täglich den 1,6 Kilometer langen
Wesertunnel. Vorher, als die Pendler und Brummifahrer nur mit Fähren
den Fluss queren konnten, waren es rund 6000 Fahrzeuge. Das
Verkehrsaufkommen hat sich verdoppelt, liegt aber trotzdem noch
deutlich unter der Prognose der Verkehrsplaner. Sie hatten für das
350-Millionen-Projekt eine Frequenz von täglich 20 000 Fahrzeugen
angenommen.
"Nach nur einem Jahr ist das ganz normal", sagt Joachim Delfs vom
Straßenbauamt Oldenburg. Der Tunnel sei hervorragend angenommen worden.
"Er ist ein voller Erfolg", freut sich Delfs. Die allseits erhofften
völlig neuen Verkehrs- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden
Siedlungsräumen links und rechts der Weser würden sich erst noch
entwickeln. Die Zielmarke von 20 000 Fahrzeugen sei deswegen ja auch
auf das Jahr 2010 bezogen worden. "Wenn wir jetzt schon wesentlich mehr
Verkehr hätten als zurzeit gezählt, bekämen wir in wenigen Jahren ein
Problem."
Boris Schierholdt, Bürgermeister der Gemeinde Stadland (Landkreis
Wesermarsch), mag den Optimismus des Straßenbauers nicht teilen. "Die
große Euphorie ist verflogen", sagt er. "Wir sehen den Verkehr vorbei
fahren, und es fällt nichts für uns ab."
Gerade einmal ein Unternehmen habe sich im elf Hektar großen
Gewerbebetrieb der Gemeinde am Rande des Tunnels angesiedelt. Und auf
der anderen Weserseite, weiß Schierholdt, sieht es nicht besser aus.
"Es ist wie damals mit Helmut Kohl und seinen blühenden Landschaften",
vergleicht der Bürgermeister. "Das Einzige, was hier blüht, ist die
Pusteblume."
Schierholdt will zwar noch nicht in Resignation verfallen; "wir
brauchen einen langen Atem", sagt er. Bis heute aber sei die Bilanz für
seine Gemeinde durch und durch negativ. "Wir haben auf den Bundestraßen
deutlich mehr Verkehr, vor allem die schweren Laster." Das bringt Lärm
und Gestank, aber noch keine Arbeitsplätze. Wenn überhaupt jemand
etwas Positives über den Tunnel sage, dann nur, dass der Weg zum
Einkaufen nach Bremerhaven so schön kurz geworden sei. Das Ergebnis für
Stadland: "Die Kaufkraft fließt ab", klagt Schierholdt.
Die Gegner des Wesertunnels - örtliche Bürgerinitiativen,
Umweltschutzverbände und die Grünen in Land und Bund - werden sich
durch die Äußerungen des Bürgermeisters bestätigt fühlen. Sie hatten
vor Baubeginn stets davor gewarnt, dass der Tunnel jede Menge
Transitverkehr in die Region locke, nicht aber auch einen
wirtschaftlichen Nutzen bringe. Die Flussquerung sei lediglich als
Bindeglied für die geplante Küstenautobahn gedacht, lautete damals die
Kritik. |