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Lärm nervt Anwohner PDF Drucken E-Mail
Quelle: http://www.ostsee-zeitung.de/mantel_m-v_31353730363939.phtml (23.01.04)

Bei Schönberg gehen Anwohner auf die Barrikaden. Gegen die A 20. Dort wurde ein falscher Belag verwendet. Der ist extrem laut.

Schönberg (OZ) Die Kinder im Kindergarten Niendorf schreien sich an, wenn sie spielen. So laut sei es, sagt Leiterin Birgit Lemke. Die Einrichtung liegt 400 Meter von der A 20 entfernt. Am Tag nach der Eröffnung des Teilstücks von Schönberg bis Lübeck dachte sie: „Wat is denn nu los?“ Birgit Lemke hatte plötzlich so ein Rauschen im Kopf.

Rentner Jürgen Hendrych (65) aus Niendorf kann es gar nicht fassen, was ihm da, 300 Meter vor seine Terrasse gesetzt wurde: „Ich bin ganz klar für die Autobahn. Die muss sein. Aber hier muss was passieren“, sagt er. Sein Nachbar Karl Kleinschmidt (67) hat sich abgefunden: „Aber Grillen im Sommer ist vorbei.“ Niendorf ist nicht die einzige Gemeinde zwischen Schönberg und Lüdersdorf, in der die Einwohner auf die Barrikaden gehen. Gegen den Belag auf der A 20 bis zur Wakenitzquerung. Auf 15 Kilometern. „Seltsam, dass dieser Belag exakt bis Schleswig-Holstein geht. Für Ossis und Wessis gelten wohl verschiedene Standards,“ sagt Birgit Lemke. Westlich der Wakenitz „Flüsterasphalt“. Östlich davon „Rüttelbeton“.

Betroffen: Gut 3000 Menschen in Schönberg, Lüdersdorf, Niendorf, Groß und Klein Siemz, Lockwisch, Roduchelstorf, Sabow, Törpt, Bechelsdorf, Duvennest, Neuleben. Die Lärmbelästigung liegt zwischen 65 und 75 Dezibel. 57 Dezibel sind für Wohngebiete zulässig. Die Menschen fühlen sich verschaukelt und von der Politik allein gelassen.

Die CDU-Landtagsfraktion hat bereits eine kleine Anfrage gestartet und sieht das Wirtschaftsministerium in der Pflicht. „Die Situation ist nicht akzeptabel. Die Anwohner der betroffenen Orte müssen mit einer deutlich stärkeren Lärmbelästigung leben, als sonst üblich“, sagt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Ulrich Born.

Auf dem Stück sieht der Beton aus, als sei er quer zur Fahrbahn gebürstet. Weder zu übersehen noch zu überhören. Hinter der Abfahrt Schönberg ertönt im Auto ein lautes Rauschen. Andreas Jungmann aus Broderstorf bei Rostock regt das auf: „Zuerst dachte ich, mein Wagen wäre defekt. Der Belag verursacht enorm laute Fahrgeräusche.“ Einen solchen Lärm habe er auf Autobahnen noch nie erlebt. ADAC-Sprecher Maximilian Maurer sagt hingegen, das sei kein Einzelfall: „Das Problem gibt es nicht nur auf der A 20. Nur ist es auf der A 20 wegen der Länge wohl besonders problematisch.“

Selbst dem Wirtschaftsminister soll es nach der Probefahrt die Laune verhagelt haben. Otto Ebnet (SPD) hat bereits Konsequenzen angekündigt. „Wenn hier Murks gemacht wurde, wird der beseitigt. Und zwar von dem, der ihn zu verantworten hat.“ Das könnte der Auftraggeber, also die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und bau GmbH (DEGES) in Berlin sein. Oder die Baufirma.
Falsches Material? Fehlerhafte Verarbeitung? Von Fehlern will DEGESBereichsleiter Volker Kock nicht sprechen: „Wir lassen den Abschnitt lärmtechnisch prüfen und werden dann über Maßnahmen befinden, wie wir die Belastung der Anwohner mindern können.“ Ergebnisse Ende Januar. In dem Stück sei die Betonbauweise wirtschaftlich gesehen die sinnvollste Variante gewesen. Warum jedoch der seltsame Querstrich verwendet wurde, weiß Kock nicht. Auf den 24 Teilstücken der A 20 habe sich die DEGES zwei Mal für Beton entschieden. Bei Schönberg und zwischen Strasburg und Friedland.

Was helfen könnte? Passiver und aktiver Schallschutz oder völlig neue Asphaltierung. Kosten: Siebenstellig. Genau das fordern aber die Anwohner, die sich bei Bürgerversammlungen getroffen haben, eine Bürgerinitiative gründen, sich an den Petitionsausschuss und den Bürgerbeauftragten des Landes wenden wollen.

Die betroffenen Bürgermeister wollen sich beraten, wie sie von kommunaler Seite vorgehen. Rainer Berger (parteilos), Bürgermeister von Groß Siemz mit 300 Einwohnern, sagt: „Das sind Fehler beim Bauverfahren. Da hoffen wir auf Unterstützung des Kreises und des Ministeriums.“ Ralph-Peter Neumann (CDU) in Niendorf mit 570 Einwohnern droht mit juristischen Schritten: „Wir wollen einen anderen Belag. Und zwar einen, der dem Planfeststellungsverfahren entspricht. Da dieser das nicht tut, werden wir notfalls klagen.“
MICHAEL MEYER
 
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