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Streit um die Ostseeautobahn |
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Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/132866/ (03.12.2004)
Bauern gegen die A 20
Von Wolfgang Fabian
Während das Band der Ostseeautobahn A20 immer länger wird, gibt es
um ein Teilstück seit Jahren Streit. Zwischen Lübeck, in
Schleswig-Holstein und der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommer fühlen
sich Bauern von der Entwicklung überfahren. Die neue Autobahn, deren
Zubringer und notwendige Ausgleichsmaßnahmen zum Landschaftsschutz
verbrauchen so viel Fläche, dass für ihre Äcker nicht mehr genug übrig
bleibt. Eine Existenzfrage für manche Landwirte, deren Interessen aber
nicht nur mit dem Straßenbau, sondern auch mit dem Naturschutz
kollidieren.
Der ehemalige Grenzstreifen bei Lübeck mit der Wakenitzniederung bietet
Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Umso wichtiger sind
für die Umweltschützer die entsprechenden Ausgleichsmassnahmen beim
Autobahnbau. Für die 28 ha zubetonierter Fläche wird rund das 20-fache
für Ausgleichsmassnahmen und Seitenbauwerke wie Wälle und Rampen
benötigt. Ein Verhältnis, das den betroffenen Bauern wie Paul Gerhard
Röttger die Haare zu berge stehen lässt.
Der Straßenbauer möchte gerne von mir ein Drittel meiner
Betriebsfläche haben also rund 30ha. Ich bin zur Zeit in meiner
Existenz vernichtend getroffen. Schwierigkeitspunkt ist bei mir der
Sonderfall einer Seitenentnahme, wo Kies zum Straßenbau abgebaut werden
soll. Diese Teilfläche von 16ha bricht mir das Genick!
Für die vom Naturschutz geforderten Ausgleichsflächen sind von der
unteren Naturschutzbehörde für jeden ha Autobahn 10 ha neue
Naturschutzflächen vorgeschrieben. Abhilfe soll hier die so genannte
Flurbereinigung schaffen. Damit sollen die Landwirte auch nach dem
Autobahnbau adäquat wirtschaften können, indem man ihnen angemessene
Ersatzflächen anbietet. Fahrwege sollen dadurch verkürzt werden,
Landflächen für die einzelnen Betriebe zusammengezogen werden. Aber die
Flurbereinigung hat gerade in dieser Region ein Problem, sagt Wolfgang
Dugnus, leitender Regierungsdirektor im Amt für ländliche Räume.
Wir sind im Flurbereinigungsverfahren ja nun nicht in der Lage Land
aus dem Hut zu zaubern und Ersatzflächen in einem Umfang zu stellen,
dass alle Wünsche befriedigt werden können. Da geht es ganz einfach
auch um die Individualinteressen jedes einzelnen Betroffenen. Und wir
sind als Behörde nicht in der Lage solche Geschäfte zu behindern. Das
ist nicht unser Auftrag, nicht unser Ziel, und da habe ich auch
keinerlei Möglichkeiten.
Private Geschäfte mit Grundstücken zu verhindern ist auch nicht das
Ziel der Teilnehmergemeinschaft der vereinfachten Flurbereinigung
Lübeck BAB 20. 165 Grundstückseigentümer sind in ihr vertreten,
darunter 60 Landwirte. Für sie steht vor allem eines im Mittelpunkt.
Durch die großen Entwicklungsprojekte im Süden Lübecks wird den Bauern
immer mehr Land weggenommen. Geplant ist neben der Autobahn ein neuer
Hochschulstadtteil, eine neue Bundesstraße und der Ausbau des
Flughafens. Für jedes Großprojekt gibt es andere Ansprechpartner, sind
andere Behörden zuständig. Da fühlt man sich von einer Behörde zur
anderen geschoben, beklagt sich Herbert Salzmann, der Sprecher der
Teilnehmergemeinschaft.
Zur Zeit erleben wir einen lauf gegen Gummiwände bei den Behörden.
Die Landwirte stehen als preiswerte Landlieferanten da. Alle Maßnahmen
verbrauchen Land. Der größte anzunehmende Schaden ist, dass aus dieser
Landregion 5 -10 Betriebe letztendlich verschwinden, aufhören zu
existieren.
Gerade das werde bei den Behörden nicht gesehen. Die
Flurbereinigungsmaßnahmen ließen auf sich warten, kämen nicht voran.
Und das obwohl man schon lange einen Wege und Gewässerplan erstellen
wollte. So ein Plan ist Grundlage für eine Flurbereinigung, da auch das
Wegenetz bei der Neuverteilung der Ländereien überdacht werden muss.
Man stehe in intensiven Kontakt mit der Teilnehmergemeinschaft heißt es
dazu aus dem Amt für Ländliche Räume. Auch die Vernetzung mit den
anderen raumfordernden Großprojekten im Süden Lübecks sei die
Vernetzung gut.
Seit September liegt jetzt der Landschaftsentwicklungsplan des
Stararchitekten Pirzio Biroli vor, den er in enger Zusammenarbeit mit
der Teilnehmergemeinschaft entwickelt hat.
Hintergrund ist, hier werden etwa 85 Maßnahmen vorgestellt. Und wir
müssen uns bei dieser Fülle darüber klar werden, was ist umsetzbar, was
ist finanzierbar, das ist ja auch ein wichtiger Aspekt
Und während es für die Flurbereinigungsbehörde zunächst einmal kein
konkreter Ansatz für den Wege- und Gewässerplan ist, bezeichnet die
Teilnehmergemeinschaft diesen Plan als herausragende Leistung.
Das ist so wie mit dem Zauberlehrling, die Geister, die ich rief
wissen sie jetzt nicht mehr zu bändigen. Landwirte denken nicht nur in
einer Generation sondern in mehreren Generationen, d.h. ich schaffe
hier neue Arbeitsplätze nicht nur für meine Kinder, sondern auch für
meine Nachbarn und für solche Leute, die in diesen ländlichen Raum
hineinmöchten
Ob das für Bauer Röttger und zehn seiner Kollegen die Existenz sichern
wird bleibt offen. Tatsache ist, die Autobahn soll 2005 hier fertig
sein. Und bis dahin muss man sich zum Wohle aller einigen.
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