Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/132294/ (30.04.2003)
Lärm, die einzige Umweltbelastung, die zunimmt
Von Dieter Nürnberger
Gewarnt wird schon seit Jahrzehnten: zuviel Lärm und Krach auf Dauer
ist ein ernst zu nehmender Stressfaktor und kann zu erheblichen
Gesundheitsbelastungen führen. Trotz dieser immer wieder geäußerten
Warnungen tut sich auf dem Gebiet der Lärmbekämpfung nichts
grundsätzliches. Während Luft, Flüsse und Seen immer sauberer werden,
sei Lärm die einzig zunehmende Umweltbelastung, erklärte beispielsweise
Petra Wernicke, die Umweltministerin von Sachsen-Anhalt. Und der
Deutsche Arbeitsring für Lärmbekämpfung schreibt von sich selbst, er
sei ein Rufer in der Wüste. Damit die Lärmproblematik nicht in
Vergessenheit gerät, gibt es einmal im Jahr den ''Tag des Lärms''.
Eine vielbefahrene, aber nicht außergewöhnliche Straßenkreuzung heute
morgen in Berlin. Der LKW-Verkehr donnert über den Asphalt, Baulärm
mischt mit dem Dröhnen der S-Bahn. Es sind diese alltäglichen
Situationen, die den Experten Sorge bereiten. An einer solchen
Straßenkreuzung werden durchaus bis zu knapp 90 Dezibel gemessen und
Lärm, sagt Joachim Scheuren von der Deutschen Gesellschaft für
Akustik, mache nun mal krank.
Über Konzentrationsstörungen, Arbeitshemmnisse, vom Tinnitus bis zu
schweren Schlafstörungen bis zu regelrechter Schlaflosigkeit. Selbst
bis zu Herzkreislauferkrankungen. Wir haben uns mit der Belästigung
durch Lärm ebenso abgefunden wie mit der fortschreitenden Verschmutzung
unserer Umwelt.
Der internationale ''Tag gegen den Lärm'' soll deshalb vor allem das
Bewusstsein schärfen. Mehr ist wohl drin, obwohl viele Umweltverbände
für heute 14.15 Uhr dazu aufrufen, 15 Sekunden Ruhe zu geben. Nicht
mehr als ein frommer Wunsch, denn unmittelbar passieren wird nichts.
Die Politik hat das Problem inzwischen zumindest erkannt und Simone
Probst, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, macht auf drei
wichtige Projekte in dieser Legislaturperiode aufmerksam.
Nämlich die Umsetzung der Umgebungslärm-Richtlinie, die es uns von
europäischer Seite sozusagen an die Hand gibt, hier wirklich
Lärmminderungspläne aufzustellen. Die Bevölkerung besser zu informieren
und auch in die Planung mit einzubeziehen. Auf der anderen Seite wollen
wir den Schienenlärm minimieren. Wir haben ja immer die Forderung Güter
von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Aber auch dies nur Hand in
Hand mit Maßnahmen zur Lärmminderung im Schienenbereich. Und als
dritter Punkt: die Novelle des Fluglärmgesetzes - hier gibt es sehr
dringenden Handlungsbedarf.
Doch gibt es kein Bürgerrecht auf Lärmschutz - so wird die
Umgebungslärmrichtlinie der EU auch keine einklagbaren Grenzwerte
enthalten. Wer schon heute an einer sehr lauten Straße wohnt, hat kaum
Chancen auf Minderung, allenfalls bei neuen Projekten gibt es
Mitsprachemöglichkeiten. Dieter Krane vom Deutschen Arbeitskreis für
Lärmbekämpfung richtet seinen Appell deshalb vor allem an die Stadt-
und Raumplaner.
Bei all ihren Planungen dafür zu sorgen, dass in den Wohnbreichen Ruhe
herrscht. Es ist bekannt, dass in den verlärmten Wohngebieten die
Kinder nicht so konzentriert lernen können, wie Kinder, die in einem
ruhigem Lerngebiet lernen dürfen. Ist das nicht auch eine Frage
der Chancengleichheit oder Ungleichheit?
Zwar habe es in der Vergangenheit Fortschritte gegeben, die Industrie
beispielsweise hat Reifenbeläge produziert, die weniger laut sind, doch
die Zunahme des Verkehrs im allgemeinen hat diese kleinen Erfolge
längst wieder aufgesaugt. Gestiegen sind beispielsweise auch die
Ausgaben für Lärmschutz, aber, so sagt Michael Gehrmann vom
Verkehrsclub Deutschland, viele Maßnahmen seien passiver Natur, man
müsse aktiv vorgehen.
Da ist es zu überlegen, ob es nicht zukünftig gelingt, beispielsweise
leisere Motoren herzustellen, auch Reifen oder Räder. Sprich: Dort, wo
der Lärm entsteht, muss angesetzt werden. Denn wenn ich keinen Lärm
produziere, oder weniger davon, dann ist das ein Vorteil.
Und die Politik habe durchaus Steuerungsmöglichkeiten, die über das
hinausgehen, was heute gemacht wird. Die drei Gesetzesvorhaben der
rot-grünen Regierung will der VCD deshalb kritisch begleiten, es müsse
wirklich spürbare Verbesserungen geben. Folgende Maßnahmen seien eine
Überlegung wert.
Zum Beispiel das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz: Man bekommt nur
dann Mittel, wenn ein Lärmminderungsplan vorhanden ist. Oder man
bekommt nur Mittel, wenn der aufgepackte Straßenbelag leiser ist - es
gibt ja sogenannten Flüsterasphalt. Auch beim Fluglärm lässt sich
einiges machen: beispielsweise mit lärmabhängigen Start- und
Landegebühren.
Die Befürchtung bleibt, dass auch weiterhin der Lärm nur verwaltet
wird. Die Bekämpfung der Quellen dagegen unzureichend bleibt. Rund ein
Fünftel der Bevölkerung hierzulande sei stark von Lärm betroffen, sagen
die Experten. Deshalb wird es bei Aktionen der Verbände heute vor allem
eines geben - nämlich Ohrenstöpsel für alle.
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